4. Forschungsbericht von Heinz Axthelm, 1938.
Entstehung des Geschlechts Axthelm im Rahmen seiner Volksgeschichte. – Versuch einer Darstellung.
- Zur Vorgeschichte unserer Ahnenheimat.
- Das Landschaftsbild einst und jetzt (in orographischer und hydrographischer Hinsicht)
- orographisch
- hydrographisch
- Schlüsse aus den geologischen Formationen
- Schlüsse aus der Feststellung von Orts- und Flurnamen
- Wer bewohnte unsere Ahnenheimat?
- in der Steinzeit (bis 2000 v. Christo)
- in der Bronze- und Hallstattzeit (ca. 2000–500 v. Christo)
- in der La-Tène-Zeit (500 v. Christo bis Christi Geburt)
- Die Besiedlung bis zum Untergang des Thüringer Reichs 531
- Der Glaube unserer Vorfahren und ihre Bekehrung zum Christentum
- Urfrömmigkeit (Naturglauben)
- Götterglaube und Kult
- Ethos und Schicksalsglaube bei den Germanen
- Wie unsere Vorfahren Christen wurden
- Hat unser Geschlecht Slavenblut in den Adern?
- Das Landschaftsbild einst und jetzt (in orographischer und hydrographischer Hinsicht)
- In welcher Zeit entstand unser Geschlecht?
- Die sprachgeschichtlichen Grundlagen des Namens Axthelm und die Schlussfolgerungen, die sich daraus ergeben
- Wie ist der Übergang des Gerätenamens „Axthelm“ auf einen menschlichen Träger zu denken?
- Wann ist der Familienname Axthelm und damit das Geschlecht entstanden?
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Zur Vorgeschichte unserer Ahnenheimat.
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Das Landschaftsbild einst und jetzt.
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Wo die Unstrut ihren großen Winkel nach Norden bildet, wo das Eichsfeld nach Osten in das Kyffhäusergebirge sich erstreckt und nach Südosten seine Ausläufer – den Dün, die Hainleite, Schmücke und Finne – schickt, ist am Südhang der Finne die Urheimat unserer Ahnen zu suchen, auf deren Äckern noch heute Bauern vom echten Schrot und Korn unseres Namens säen und ernten.
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orographisch
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Vom Nordwesten zum Südosten wird dieses Land von einem Gebirgszug durchquert, der zum Nordrande des Thüringer Zentralbeckens gehört. Vom Eichsfeld ausgehend erstrecken sich der „Dün“ und die „Hainleite“ bis hin zur Unstrut, wo sich auf dem letzten Vorsprung die beiden Ruinen der Sachsenburg erheben. Jenseits der Unstrut setzt die „Schmücke“ diesen Höhenzug fort und geht in der Waldscheide von Burgwenden – Kammerforst südöstlich in die „Finne“ über.
Etwas nördlich zieht sich als abgerissener Ausläufer des Eichsfeldes die „Hohe Schrecke“ parallel zur Schmücke hin, von dieser durch den Helderbach geschieden, und geht in der Waldscheide von Kammerforst–Rabenswalde ebenfalls in den Finnehöhenzug über, der sich in südöstlicher Richtung bis zur Ilm und Saale fortzieht. Dieser Gebirgszug hat eine Durchschnittshöhe von 272 m und erreicht im sog. Kinzelsberge seine höchste Erhebung (386 m); der Kamm der Hohen Schrecke dagegen verläuft in rund 360 m Höhe.
Die Hochfläche der Finne ist von einer Reihe größerer oder kleinerer, tief einschneidender Täler durchbrochen, die von lebendem Wasser durchzogen der ganzen Landschaft den Charakter der Abwechslung verleihen.
Der Name „Finne“, der 1106 zum ersten Mal urkundlich als „Vin“ erscheint, bedeutet: „Die Höhe“. Und zwar ist dieser Name von dem über Burgwenden sich erhebenden Berge, der „Penna-Höhe“, hergeleitet. „Penna“ ist keltischen Ursprungs; von den Kelten erhielt der Berg seinen Namen, und von den Germanen wurde das keltische „P“ in „F“ umgelautet.
Der Name „Hohe Schrecke“ stammt von dem 301 m hohen Gipfel. „Schrecke“ bedeutet einen steil aufsteigenden Berg.
Dagegen deutet die Bezeichnung „Schmücke“ auf einen sich schmiegenden, sanft aufsteigenden Bergrücken hin.
Der Name „Hainleite“ kommt 1308 in der Form „Haylitte“ vor und bedeutet „bewaldeter Berghang“. Der am Wächterberge nördlich und nordwestlich gelegene Teil heißt noch heute „der Hayn“, während der nach Südosten und zum Sachsenburger Forst gehörende Teil „Hainleite“ genannt wird. Der ganze Bergzug mag ursprünglich die „Leite“ geheißen haben, bis sich die Doppelbezeichnung „Hainleite“ verbreitete.
Alle ursprünglichen Höhenbezeichnungen werden also im Laufe der Jahrhunderte auf die ganzen Gebirgszüge angewendet.
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Dieses bewaldete Heimatland unserer Ahnen wird nach Westen, Norden und Nordosten hin von der Unstrut umrahmt und liegt wie eine Waldhalbinsel in der mitteldeutschen Landschaft. „Unstrut“ leitet sich wohl her von „Strut“ – ein Wald mit sumpfigem Boden. Unstrut also eine Bildung von Untiefe = große Tiefe. Ursprünglich ist also der Name die Bezeichnung eines von dem Flusse durchzogenen Waldterrains; „Unstrut“ hieß der Fluss früher wahrscheinlich nur auf einem bestimmten Abschnitt seines Laufes, wo er sich durch sumpfigen Boden hinzog.
An kleinen Gewässern interessieren uns nur noch:
die Lossa – sie entspringt westlich des Dorfes Lossa in einem kleinen Teiche in 311 m Höhe, fließt durch Lossa hindurch und schlägt südöstliche Richtung ein. Bei Billroda macht sie eine scharfe Wendung nach Südwesten, fließt von Rothenberga ab in südlicher Richtung bis in die Hardislebener Flur, eilt dann über Mansfeld, Gutmannshausen, Olbersleben, Neuhausen in westlicher Richtung auf die Unstrutebene zu, um sich bei Leubingen mit der Unstrut zu vereinigen.
(Ehemals, noch um 1720, mündete die Lossa erst viel weiter nördlich bei Gorsleben in die Unstrut und lief also eine weite Strecke mit dem größeren Fluss parallel.)
Der Name „Lossa“ ist sehr umstritten. Man könnte annehmen, dass er slawischen, also sorbischen Ursprungs ist, nach dem Elentier (ostwendisch „Los“) genannt. Da dieser Orts- und Flussname schon weiter östlich – bei Wurzen – vorkommt und dort in die Sorbenzeit zurückweist, liegt die Vermutung nahe, dass dieser Name von dem ost-westlichen Sorbenzuge mit in diese Gegend verpflanzt wurde; er kommt ja viel weiter westlich wieder vor als rechter Nebenfluss der Fulda. Ebenso gut möglich ist auch die andere Deutung, dass der Name Lossa germanischen Ursprungs aus der 4. Siedlungsperiode (ca. 1050–1200) ist.
In den ältesten Urkunden heißt sie „Laz“, abgeleitet vom althochdeutschen laz (träge, faul). Dieser Name deutet also auf einen langsam dahinfließenden Bach, und in der Tat ist der Mittellauf der Lossa so wenig von Höhenunterschieden des Geländes beeinflusst, dass er in historischen Zeiten mannigfach seine Lage gewechselt hat.
Noch im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts hatte die heute 40 km lange Lossa einen um 10 km längeren Lauf, indem sie nicht – wie schon oben erwähnt – direkt auf die Unstrut zufloss, sondern vor Leubingen nach Norden umbog und bis Gorsleben der Unstrut parallel floss, um sich erst dort mit ihr zu vereinigen.

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Die Lossa ist nur ein kleines, unbedeutendes Gewässer. Nur wenige Kilometer trennen ihre Quelle von den Bächen, die am Nordhang der Finne der Unstrut zustreben; sie aber schlägt vom Dorfe Lossa aus die südliche Richtung ein, nimmt ihren Lauf durch die Buntsandsteinformationen des Mühltals und bricht ein zweites Mal durch den Muschelkalkhöhenrücken bei Rastenberg. Schon dieser Teil des Lossalaufes erzählt dem forschenden Geologen die wunderbare Tatsache, dass hier die Gewässer ehemals in umgekehrter Richtung geflossen sind.
Das war in jener fernen Vorzeit, als die Ilm noch nicht ihren Weg von Weimar über Ulza nach Großheringen zur Saale nahm, sondern nordwärts abbog und über Buttstädt, Hardisleben, das heutige Lossatal durchfloss und in diesem, die Finne querend, durch das Haselbachtal die Unstrut erreichte. Nicht unbedeutende Höhenveränderungen haben den neuen Weg der Ilm späterhin erzwungen – aber die Ilmgerölle im Lossatal zeugen noch heute von der Umkehrung der Verhältnisse.
Der Teil des Lossatales zwischen Rastenberg und Lossa stellt auch zugleich einen der ältesten Übergänge über die Finne dar; dieser Senkung folgte auch die uralte, sog. „Hohe Straße“, die, von Erfurt kommend, über Großbrembach, Mannstedt nach Hardisleben führte und dann über Rastenberg die Verbindung mit dem Unstruttale herstellte. Wenn die sächsischen Kaiser von Erfurt zu ihren Pfalzen in Memleben und Merseburg ritten, haben sie diesen damals gewiss viel benutzten Weg eingeschlagen.
Die Lossa speiste früher auf ihrem Lauf die alte Wasserburg Hardisleben, passierte den alten Siedelort Mannstedt, der einst durch Schenkung an die Universität Leipzig fiel, und erreichte danach Guthmannshausen – dessen älteste Namensform offenbar auf ein altgermanisches Heiligtum des Wodan hindeutet; denn noch im 8. Jahrhundert wird der Ort „Wodaneshusun“ genannt.
Den übrigen Verlauf der Lossa über Neuhausen zur Unstrut kann man anhand der Karte klar verfolgen.
Wie die erwähnten geologischen Funde und Bodenuntersuchungen am Oberlaufe der Lossa von weitreichender Bedeutung für die Erforschung der Wasserlaufgestaltung und überhaupt die Grundwasserverhältnisse des Schmücke- und Finnegebietes sind, so gaben die Ausgrabungen bei Leubingen (sog. Leubinger Hügel), nahe der Stelle, wo die Lossa in die Unstrut mündet, geschichtliche Aufklärung von größter Wichtigkeit.
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Dort entdeckte man erst in jüngster Zeit das sog. „Fürstengrab“ mit einer Fülle von Skeletten, Gebrauchs- und Schmuckgegenständen, die der Hallstattperiode, also der Zeit von etwa 1000–500 vor Christus angehören und für die Altertumsforschung von unersetzlichem Wert sind. Aus der Anordnung des eigentlichen Fürstengrabes und der um dieses herum gruppierten Skelette, sowohl von gefallenen Kriegern, als auch von Sklaven, Frauen und Kindern, lassen sich beachtliche Rückschlüsse auf das kultische Brauchtum dieser Zeit und dieses Volksstammes ziehen.
Doch diese kleine Abschweifung hier nur nebenbei.
Warum gebe ich von diesen beiden Flüssen „Unstrut“ und „Lossa“ so eine breite Schilderung?
Weil die „Unstrut“ die Urheimat unserer Ahnen im Westen und Norden und die „Lossa“ im Osten und Süden abgrenzt. In diesem Rahmen, den diese beiden Flussläufe um Schmücke, Schrecke und Finne wie eine natürliche Umgrenzung bilden, nahm unser Geschlecht Axthelm seinen Ursprung. Da stand die Wiege unseres Stammes, und von da aus verzweigten sich alle Linien.
Nun seien nur noch die kleinen Bäche genannt, an denen unsere Ahnen nach meiner Kenntnis ihre Herde aufschlugen. Der erste Ahne meiner Linie wird 1623 in Rettgenstedt genannt „Hans am Wasser“. Und dieses Wasser ist die „Schafau“, die südlich des Ortes Schafau entspringt, etwas nordwestlich bis Bachra fließt, den Ort (also meinen Heimatort) durchquert, von da – mit dem „Rosenbach“ vereinigt – ihren Weg nach Ostramondra–Rettgenstedt nimmt, um sich vor Kölleda mit der Röse (von Burgwenden kommend) zu vereinigen und unter dem Namen „Frauenbach“ der Lossa zuzufließen (bei Frohndorf).
Der Name „Schafau“ (eigentlich „Schafe“) rührt zweifellos von der Ortsbezeichnung her, die ja nicht schwer zu deuten ist. Alle anderen Wasserläufe und Bäche will ich in diesem Zusammenhang unerwähnt lassen; man kann sie auf der Karte ablesen. Uns interessieren hauptsächlich die Gewässer, aus denen unsere Vorfahren ihr Wasser schöpften und ihr Vieh tränkten.
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Schlüsse aus den geologischen Formationen
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Geologisch gehört dieses ganze Gebiet zur Thüringischen Triasmulde. Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper sind die vorherrschenden Schichten.
Der Buntsandstein umfasst das gesamte Berggebiet der Schrecke und den Rücken des westlichen Teils der Finne. Erhebliche Teile des Gesteins sind von Geschiebelehm und Löss überlagert.
Der Muschelkalk steht auf dem Rücken der Schmücke und am Südrande der Finne zu Tage. An verschiedenen Stellen des Randes ist auch er von Lehm bedeckt.
Der südliche Fuß von Schmücke und Finne ist mit Keuper besetzt.
Soviel zur Darstellung des Landschaftsbildes. Die Heimatkarte gibt zu allem einen klaren Überblick.
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Schlüsse aus der Feststellung von Orts- und Flurnamen
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Wie sah es in ältester Zeit in unserer Heimat aus?
Was kann man aus Orts- und Flurnamen schließen?
Der Vorgeschichtler Dr. Schlüter stellt anhand seiner „Geschichte der Siedlungen im nordöstlichen Thüringen“ (S. 153 ff.) die These auf,
„dass Sumpf und Wald die Hindernisse waren, die in ganz Mitteldeutschland in einer Weise der Ansiedlung entgegenstanden, dass die Geschichte der Besiedlung eines Landes der Hauptsache nach als ein Kampf mit Sumpf und Wald erscheint“.
Darum wird man, um ein Bild von der früheren Landschaft zeichnen zu können, den Versuch machen müssen, festzustellen, wie groß früher die Ausdehnung von Wald und Sumpf gewesen ist.
Es lässt sich für dieses Finnegebiet erweisen, dass weite Strecken des Lössgebietes mit Wald überzogen waren, wie sie es z. T. noch heute sind. Dichter Wald deckte die Fluren der Finne, wo früher die Neolithiker ihre Wohnungen hatten.
Auf Grund der Orts- und Flurnamen und der drei alten Bezeichnungen für Wald – nämlich Hart (z. B. „Hartha“ bei Bachra, „Gehart“ bei Hemleben etc.), Heide („Heidefeld“ bei Bachra, „Heidewald“ bei Burgwenden) und Loh („Lohparzellen“ in Alt- und Schlossbeichlingen, die „Loh“ in Großmonraer Flur und südlich vom Finneberge das „Hesseloh“ und der „Hesselohberg“) – sind heimatkundliche Forscher wie Schlüter und Naumann zu der Feststellung gekommen, dass im Norden an der Unstrut in vorchristlicher Zeit die Gebiete des Auelehms (goldene Aue) und einige Hänge mit Lössbedeckung vom Walde freigeblieben waren, ebenso im Westen das Gelände an der Unstrut und das Tal des Helderbachs. Frei von Wald waren vor allem die Südhänge der Schmücke und Finne und das davorliegende Land, wenn auch einzelne Waldparzellen vorkamen. Alles dazwischenliegende Land – also die Gebiete der Schmücke, Schrecke und Finne war mit Wald eingeschlossen, einschließlich der dazwischenliegenden Täler. Obwohl es für Ortskundige sehr interessant wäre, Flur für Flur und Ort für Ort die ehemalige landschaftliche Beschaffenheit darzustellen, würde es in diesem Zusammenhang zu weit führen, auf Einzelheiten einzugehen.
Jedenfalls halten wir fest, dass die ersten Träger unseres Namens in vorwiegend bewaldetem Gebiet am Südhang der Finne ihren Wohnsitz hatten. Sie bebauten teils Ackerland, teils nährten sie sich von der Jagd, während die wenige Stunden südlich in der Lossaebene ansässigen Volksstämme vornehmlich Ackerbau betrieben.
Über die Art des damaligen Waldbestandes ist – nach alten Akten zu schließen – zu sagen, dass die Höhen in der Hauptsache von Laubwald bedeckt waren: Birken und Aspen, Buchen- und Lindenwälder wechselten mit wuchtigen Eichenbeständen ab.
Dass gerade die Linde zahlreicher vertreten war, ersehen wir aus den mit „Loh“ zusammengesetzten, vorhin angeführten Namen. Einen Hinweis auf den Baumbestand bieten auch „das eichene Beil“ in der Flur Kannawurf, „das große und kleine Lindenbeil“ in der Flur Burgwenden (in „beil“ steckt das verstümmelte alte „Bühl“ = kleine Anhöhe). Im Allgemeinen kann man aus den Hauptbestimmungen für Wald (Hart oder Holz, Heide und Loh) keine Schlüsse für den Baumbestand ziehen. Während die drei ersten den Hochwald bezeichnen, wird das Wort Loh vorwiegend für Buschwald gebraucht. Der Laubwald nahm in ältesten Zeiten in dieser Gegend weit mehr Raum ein als der Tannenwald, der heute in unseren Waldungen stellenweise vorherrschend ist.
Auch aus den heute noch vorkommenden Wortverbindungen mit „-rode“ bzw. „Rod-“ kann man manchen Schluss auf die vorgeschichtliche Beschaffenheit der Landschaft ziehen.
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Diese urwaldartigen Waldungen waren also das eine Hindernis, das unsere Vorfahren bei ihrer Siedlungsarbeit zu überwinden hatten. Und das andere? Das war das Sumpfland in den Flussniederungen. Die Versumpfung dehnte sich in Vorzeiten über weite Strecken des Wald- und Wiesenlandes aus, wie wir schon aus der Geschichte der Römerfeldzüge, aus Tacitus’ „Germania“ und frühmittelalterlichen Quellen wissen. Während uns die sumpfigen Niederungen der Unstrut weniger beschäftigen, haben die Sumpfebenen der Lossa und der Schafau mehr Bedeutung für unsere Untersuchungen. Dr. Schlüter behauptet, dass sich das Sumpfgebiet des unteren Lossa-Laufes von Westen her bis zu der Senkrechten Altbeichlingen – Kölleda – Vogelsberg ausgebreitet habe.
Während der Lauf der Unstrut rechts und links von einer ausgedehnten Sumpffläche begleitet war, die sich auch bis an den oberen Lauf des Helderbaches nördlich von Hauterode erstreckte, kann man mit einiger Gewissheit annehmen, dass die Siedlungen am gesamten Südhang der Schmücke und Finne außerhalb des Sumpfgeländes lagen und teils auf Auelehm (der immer frei von Überschwemmungen war), teils auch auf Löss erbaut waren. Die Bewohner dieses Schafautales hatten also kaum mit Sumpfgelände zu kämpfen, dagegen hatten die Siedlungen im Westen an der Unstrut und im Südwesten an der Lossa sehr unter Überschwemmungen und Versumpfung zu leiden.
Um ein einigermaßen zutreffendes Bild von dem früheren Aussehen der Landschaft zu erhalten, dürfen wir uns aber nicht allein an die Festlegung der einst sumpfigen Flussauenbezirke beschränken. Man muss den Wasserverhältnissen überhaupt nachgehen, nach verschwundenen Seen und Teichen fragen und nach versiegten Wasseradern. Letztere vor allem müssen früher weit zahlreicher gewesen sein, wo die Walddecke der Landschaft noch wenig berührt von Menschenhand war. Mit der fortschreitenden Rodearbeit, aber auch mit der fortschreitenden Kultur waldfreier Distrikte, ist ein ganz anderes Bild entstanden. Während durch die allmählich fortschreitende Entwaldung der Höhenzüge, vor allem aber der flachen Hänge, viele Quellen versiegten, so ist schließlich durch das letzte große Kulturwerk – durch die Separation, auch durch Meliorationsbestrebungen einzelner Besitzer, mit der Geradelegung von Bächen, durch die Anlage von Entwässerungsgräben, ja auch durch Ausführung umfangreicher Drainagen – mancher wasserreiche Landstrich wasserärmer geworden. Noch erinnern sich die Alten aus frühester Jugend her, wie einst der heute im geraden Laufe seiner Richtung zueilende Bach träge oder doch träger als heute in seinem geschlängelten Bette dahinfloss, die Ufer mit Weidengehölz und Sträuchern aller Art reichlich besetzt. So ist der 1140 urkundlich erwähnte Zufluss der Lossa, der „Crumbach“ bei Billroda, vollständig verschwunden; sein Gedenken lebt nicht einmal im Flurnamen fort, während der „Missbach“ bei Lossa noch in der Wüstung Missberg und in dem jetzt für militärische Zwecke eingezäunten „Eisbach“ weiterlebt.
Anhand der Akten aus der kursächsischen Zeit kann man noch erkennen, welche Zustände an den Ufern der Lossa und der Scherkonde herrschten, ehe die Regulierungsarbeiten einsetzten. Die ganze Talebene, durch die jetzt der Frauenbach der Lossa zufließt (also die Kölledaer Flur) bis talaufwärts östlich hin nach Neuhausen und Olbersleben, hatte ein gänzlich anderes Bild. Heute noch geht bei Leubingen der Lossa eine Wasserader zu, die nach dem Messtischblatt aus dem Wellborn nordöstlich von Battgendorf entspringt und im Laufe nach Westen Dermsdorf berührt. Früher wurde dieser Bach „Molde“ geheißen; seinen Quellursprung sieht man in dem ehemaligen „Streitsee“. Der Bachname ist verschwunden, während das Wort „Streitsee“ im Wortschatz der Alten noch gebräuchlich war.
Noch um 1800 existierten in dieser Talebene fünf kleinere Teiche mit Quellen, um 1700 ungefähr die doppelte Anzahl. Ein anschauliches Beispiel für das Verschwinden solcher kleiner Quellseen ist das Sickerloch im „Kaltenborn“ bei Rettgenstedt, das seit dem vorigen Sommer (1936) plötzlich versiegt ist, während es bis dahin ständiges Quellgebiet war.
In dem Vermessungsregister von Schlossbeichlingen vom Jahre 1833 heißt es:
„Nordwestlich am westlichen Ende des Harrasberges befindet sich in dem sog. Borntale eine sumpfige Stelle, die nur mit vielen Kosten zu entwässern ist. Hier in diesem Bassin sammelt sich nämlich das Wasser an, welches aus den Quellen im ‚Totzlebener Grunde‘ und in der ‚Schiefgebreite‘ entspringt und welches bei starken Regenfällen von den Bergen fließt und oft mehrere Morgen überflutet.“
Von der Flur südlich des Dorfes und nördlich des Höhenzuges heißt es:
„In dem Tale wird das Quellwasser aus dem sog. ‚Großmonraer Rasenfleck‘ durch einen links neu angelegten Graben aufgenommen, der zugleich auch das Wasser aus dem ‚Weihrnutterborn‘ im Burgwendener Felde fasst und in den Krebsgraben leitet. Die Wiesen in diesem Tale leiden sehr an Nässe.“
Diese wenigen Beispiele geben uns bereits einen Anhalt für die Fülle an Forschungsmaterial, wenn man die Wasserverhältnisse der älteren Zeit erforschen will.
Aus den alten Flurbüchern kann man aus den Flurnamen noch manchen Rückschluss auf ehemalige Bachläufe und deren Täler ziehen; alle die mit „-born“ und „-klinge“ zusammengesetzten Namen deuten darauf hin, so der „Goldborn“ im Bachraer Flur, die „Kreuzklinge“ bei Battgendorf, die „Goldklinge“ bei Wiehe usw.
Auch von verschwundenen Seen und Teichen erfahren wir aus den alten Flurnamen:
z. B. der „Streitsee“ bei Dermsdorf, der „Ezelsee“ in Wolmirstedter Flur, der „Irrensee“ bei Etzleben, der „Flursee“ und der „Stödtener See“ bei Kölleda, der „Rundsee“ bei Frohndorf usw.
Die sumpfige Beschaffenheit der Flussauen bezeugen die vielen Riethnamen, einfache „Riethe“, „Riethe“ mit anderen Worten wie „Kuhrrieth“, „Hammelrieth“, „Pferderieth“ usw. Etzleben hat ein „Singenrieth“, Leubingen ein „Mörschrieth“, Frohndorf mit 850 Morgen Riethländern sein „Sorgenrieth“. Also auch in den Tälern des Helderbachs, des Dornbachs und der Lossa finden sich Bezeichnungen mit „Rieth“. Auch „Brühl“ – Bezeichnung für sumpfige Wiese – findet sich gelegentlich (Saubach, Schillingstedt usw.). Die alte Bezeichnung für sumpfiges Land „Sohle“ findet sich noch in der „Sohle“ bei Etzleben und im „Sohlfelde“ bei Brühel wieder. Auch von alten Sumpfpflanzen her kann man Schlüsse auf die Bodenbeschaffenheit ziehen. So in den Bezeichnungen „Rohrwiese“, „Rohrteich“. Und in den Namen „Seuchengraben“, „Seuchenborn“, „Seuchenhügel“ klingt das alte semita = Riedgras durch. In verschiedenen Flurnamen ahnen wir noch Spuren einer längst verschwundenen Wasserflora und einer Wasserfauna. Die „Entenpfuhle“ und „Entenfänge“ bei Kölleda erinnern an Wildenten, die dort hausten. Dass auch ein Sumpfvogel, der Kiebitz, in diesen Finne- und Schmücke-Niederungen zuhause war, erweisen die Flurnamen wie der „Kibitz“ in Leubinger und Etzlebener Flur, „der Kibitzhügel“ bei Kölleda, „aufm Kibitzfange“ bei Bibra.
Aus allen diesen Erwägungen geht hervor – und das war der Zweck meiner Darlegungen –, dass der gesamte Südhang der Schmücke und der Finne sowie das Tal der Schafau wahrscheinlich frei gewesen sind von Sumpflandschaft. Unsere Vorfahren müssen also eine leichtere Kulturarbeit zu leisten gehabt haben, als die Siedler in der Unstrut- und Lossaebene. Eine wesentliche Unterscheidung in der Art der Tätigkeit zwischen den verschiedenen Siedlern des Gesamtgebietes ist daraus jedoch nicht zu entnehmen.
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Wer bewohnte unsere Ahnenheimat?
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Wie im vorigen Teil, so soll auch im folgenden ein entwicklungsgeschichtlicher Aufriss gegeben werden. Wer bisher noch nicht einsah, warum ich so weit ausholte, der wird jetzt mehr und mehr erkennen, wohinaus ich will. Um es kurz zu sagen: Nur durch genaue sprachgeschichtliche Untersuchung ist überhaupt die Möglichkeit gegeben, dem Ursprung unseres Familiennamens und damit der Entstehung unseres Geschlechts auf die Spur zu kommen. Eine sprachgeschichtliche Beweisführung kann man aber nur üben, wenn man die Träger der Sprache, also die Geschichte der betreffenden Völkerstämme kennt. Wenn ich aber von diesen Sprachstämmen, also von den früheren Bewohnern unserer Ahnenheimat, rede, muss ich vor allen Dingen mit dieser Wohnheimat selber vertraut sein.
Darum die Ausführlichkeit!
„Wo sollen wir aber unsere Ahnen besser erkennen, als in ihrer frühesten uns erreichbaren Erscheinung? Also in der vorgeschichtlichen Urzeit! Und auf welchem Wege reiner, als durch Betrachtung ihrer eigenen Betätigungen im Heimatlande? Wer unsere früheste und eigenste Art rein und unverfälscht auf sich wirken lassen will: der muss bei der Vorgeschichte anfragen.“
Diese Worte spricht Kossinna im Vorwort zu seiner Deutschen Vorgeschichte. Weiter sagt er:
„Nichts wären wir heute von dem, was wir sind und was Großes in uns steckt und noch weiter aus uns hervorbrechen mag, hätten wir nicht die große Erbschaft von unseren Vorvätern zu eigen. Unsere längst erloschenen Ahnen haben uns nicht nur ihr Fleisch und Blut, sondern darin auch ihre Gedanken, ihren Geist und ihren Charakter vererbt; wir tragen noch das ganze Gewicht ihrer Fehler – wir empfangen den Lohn all ihrer Verdienste“.
In diesen Gedanken eines unserer bekanntesten Forscher kommt die Notwendigkeit zum Ausdruck, die mich veranlasst, in meinen Untersuchungen so weit als möglich zurückzugreifen. In diesem Zusammenhang sei noch eine treffende Charakteristik unserer Vorfahren von Kossinna eingefügt:
„Im größten Teil Europas blieben die von nordischer Überschichtung bedeckten Völkerschaften noch lange in dem Zustande dünngestreuter Siedelungen in kleinen Dörfern und Einzelgehöften. Da bedurfte man weder der Gesetzesparagraphen eines Hammurabi, noch geschriebener Vorträge für das tägliche Geschäftsleben, man bedurfte keiner Tempel für den gemeinschaftlichen Gottesdienst der Menge, noch der sogenannten Großen Kunst. Was den Germanen beseelte, war vielmehr das innige Zusammenleben mit der Natur, obwohl nicht mit dem wilden finsteren Walde, wie die anscheinend unausrottbare, aber darum nicht minder falsche volkstümliche Vorstellung es sich ausmalt. Jenen Urwald mied der Germane bei seiner Ansiedlung gerade so weit, wie wir es tun. Denn der weite, wüste Wald war von jeher der Feind des Kulturmenschen. Aufgesucht hat ihn der Germane nur – und dann stets mit Lust, wenn es galt, der Jagd zu frönen, und stets mit heiliger Scheu, wenn er der dort unsichtbar waltenden Gottheit heimlich nahen wollte. Aber dauernd dort zu hausen, war nur der Fluch des „in den Wald Gewünschten“, des Geächteten, des friedlosen, landflüchtigen, vogelfreien Verbrechers, der als „warg“ d. h. als Wolf sich bergen musste, in Dickicht und Sumpf, wo er nachts nur zu leicht ein Werkzeug elbischer Mächte werden konnte, wie wir es in unseren alten ergreifenden Volksballaden von verinrten Rittern so oft hören: wer kennt sie nicht, die unsterblichen Namen Harald und Oluf, Erlkönig und Elbershöh, denen Karl Löwes geniale Musikgewalt eine zweite Unsterblichkeit verlieh! Den Germanen beseelte der Hang zur Vereinzelung, zum Ausleben seiner Sondertriebe, er hasste die enge Zusammenpferchung in den Steinhaufen der Städte. Weil er als Ackerbauer in stärkster Vereinzelung auf seiner Scholle saß, hatte er Genüge in engem Kreise, erfüllt von einem fürsorglichen Betriebe der Land- und Hauswirtschaft, der nur unterbrochen wurde durch Jagd und politische Betätigung. Was unter solchen Lebensverhältnissen damals an Schönem geleistet werden konnte, haben die Germanen gezeigt, die in der Bronzezeit ohne Frage das Beste bieten, was diese Epoche überhaupt hinterlassen hat.
Wie für die anderen vom Norden befruchteten Völker, so kam aber auch für den letzten Rest des in der Urheimat zurückgebliebenen Rassenkapitals des indogermanischen Europa, d.h. für die Germanen des Nordens, schließlich die Stunde, wo sie aus ihrer Zurückhaltung heraustreten und im eigenen Lande mit denjenigen weit vorgeschrittenen Kulturen sich auseinandersetzen mussten, die mittlerweile vor Jahrtausenden südwärts ausgewanderte Teile ihrer eigenen Ahnen auf fremden Boden geschaffen hatten und nun in feindlichem Verhältnis zu dem alten Heimatgebiet und dem Muttervolke anwendeten. Jetzt erst, in der engsten Reibung mit fremder Kultur, konnten auch die am reinsten verbliebenen Germanen zeigen, was sie im Wettkampf mit der ganzen Welt vermögen, und es kamen allmählich die großen Zeiten herauf, wo die Deutschen und mit ihnen die anderen Germanenvölker immer mehr an die Spitze der europäischen, schließlich der Weltkultur traten, Zeiten die dann zu der neueren Geschichte überleiten. Aber alles, was wir in diesem Ringen von dem Germanentum auch noch erhoffen – es ist alles in ihm von Anfang an enthalten gewesen, „oft viel größer, oft so herrlich, dass es uns für die Zukunft ganz unerreichbar erscheint“ (A. Haupt).
„Da ich lernte, dass seine Sprache, sein Recht und sein Altertum viel zu niedrig gestellt werden, wollte ich mein Vaterland erheben“ (Jakob Grimm 1844).
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Wer bewohnte unsere Ahnenheimat in der Steinzeit (bis ca. 2000 v. Chr.)?
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„Auf den frühesten Indogermanen liest etwas von der Taufrische des Paradieses.“ (Alexander von Peez, 1889)
Hier ist von der jüngeren Steinzeit zu reden, die etwa bis 2000 v. Chr. zu rechnen ist, denn Spuren des Menschen aus der älteren Steinzeit sind im Finnegebiet nicht beobachtet worden.
Da sich solche aber bei Weimar und Taubach a. d. Ilm häufiger finden, ist es nicht ausgeschlossen, dass der Fuß des diluvialen Menschen auch unsere Finneheimat betreten hat. Jedenfalls hat die letzte einsetzende Eiszeit mit der diluvialen Fauna auch den Menschen aus dieser Gegend vertrieben.
Ein reiches Fundmaterial hat uns dagegen die jüngere Steinzeit hinterlassen. Die Funde, die an kunstvoll gefertigten Waffen, an zierlich gearbeiteten Tongefäßen aus der Erde gehoben wurden, zeugen von den gewaltigen Fortschritten, die der Mensch dieser Gegend gemacht hat. Dieser steinzeitliche Mensch ging eifrig der Jagd nach, kannte aber auch Ackerbau und Viehzucht. Seine Toten begrub er in Steinkistengräbern, seltener ohne solche. Die Leichen wurden als „Hocker“ beigesetzt, d. h. die Beine nach der Brust zu gekrümmt, z. T. auch die Arme, entweder sitzend oder zur Seite gelegt.

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Die alte Ansicht, dass dieser steinzeitliche Mensch in Wohngruben gehaust habe, die in Kessel-, Trichter- oder Zylinderform in die Erde gegraben waren, die nur im Winter mit Geflecht bedeckt wurden, ist neuerdings stark in Zweifel gezogen – und zwar aufgrund der Ausgrabung einer bandkeramischen Siedlung bei Lissdorf (bei Eckartsberga). Prof. Dr. Schuchhardt, Berlin, hat durch diese Ausgrabung festgestellt, dass der Steinzeitmensch in wirklichen Häusern gewohnt hat. Die Häuser wurden in der Weise hergestellt, dass Pfosten in die Erde gesteckt und diese durch Wände von Flechtwerk verbunden wurden, das dann mit Lehm verschmiert wurde. Wohn- und Schlafraum waren unterschieden. Die Gruben, die bei den Ausgrabungen aufgedeckt wurden, sind hauptsächlich als Keller- und Vorratsräume anzusprechen, die mit Bohlen bedeckt wurden. Vielleicht haben die tieferen, runden Löcher zum Eingraben von Vorratsgefäßen gedient?
Jedenfalls legt diese Ausgrabung den Schluss nahe, dass der Steinzeitmensch im Häuserbau viel weiter fortgeschritten war, als man bisher annahm. Aus der Tatsache, dass also dieser Häuserbau weit umständlicher und mit erheblichem Arbeitsaufwand verbunden war, geht hervor, dass diese steinzeitlichen Siedler sehr sesshaft waren und ihre dauerhaften Wohnungen hielten, so lange es ging.
Nach den zahlreichen Funden an steinzeitlichen Waffen und Werkzeugen zu schließen, muss der Südhang der Schmücke und Finne verhältnismäßig stark besiedelt gewesen sein.
Die aufgefundenen Handmühlen und Kornquetscher, Spinnwirbel und Webgewichte reden davon eine deutliche Sprache. Diese Fundstücke deuten direkt auf untergegangene Wohnstätten hin, und nur solche untergegangenen Wohnstätten und Gräber zeugen von der einstigen Bevölkerung dieses Gebiets.
Einige Beispiele von Einzelfunden:
Neben den vielen Artefakten, deren das Museum in Berlin über 300 Stück besitzt, wurden z. B. zahlreiche steinzeitliche Gräber bei Altbeichlingen, Bachra, Caubach, Bibra, Memleben, Heldrungen usw. gefunden.
- Bei Heldrungen Gräber ohne Steinsetzung.
- Bei Memleben ein Hügelgrab mit Skeletten in vier Steinkisten.
- Bei Sachsenburg eine Gruppe von 12–15 jetzt umgepflügten Hügelgräbern; darin Skelette mit schnurverzierten Gefäßen. Nicht weit davon, im sog. „Götzenhain“, ein liegender Hocker in einer in den Kalkfels eingehauenen Mulde.
- Auf der Hainleite drei Grabhügel mit Hockerresten und schnurverzierten Scherben; ein vierter Hügel barg unten auf Steinpackung einen Hocker, darüber Steinpackung und wieder drei Skelette.
- Im Kölledaer Hügel bei Schlossbeichlingen wurde ein Grab von 7 Fuß Länge, mit gelben Steinplatten umstellt, aufgedeckt; die Decke und der Boden ebenso.
- In Gorsleben, im Garten des Schmiedemeisters Peter, deckte man 1909 ein Flachgrab auf, in dem sich gestreckte Skelette mit dem Gesicht nach unten beerdigt befanden. In der Halsgegend stand ein Tongefäß primitivster Form.
Anhand der Schädel stellte Dr. Schlitz-Heilbronn fest, dass die Toten einer Bevölkerungsgruppe angehörten, die den Übergang von der westdeutschen Megalithbevölkerung zur mitteldeutschen Bevölkerung des schnurkeramischen Kulturkreises bildet.
Außer Gräberfunden wurden vor allem in der Flur Herrenposserstedt zahlreiche Gerätfunde gemacht; die Schulsammlung dort zählt allein über 1000 Stück. Aus den reichen Funden an Mahlsteinen (deren es auch in Seenaer Flur gab), Handmühlensteinen, Webegewichten und Spinnwirbeln (Lossauer Flur) geht hervor, dass hier steinzeitliche Ansiedlungen gestanden haben.
In den Fluren von Klosterhäseler und Frankenrode wurden, namentlich auf dem sog. „Bettelfelde“, eine große steinerne Pflugschar und Kisten voll Scherben gefunden, die zur Bandkeramik gehören, deren Spuren gerade auf der Finne sehr zahlreich sind. Lehrer und Pfarrer waren es, die mit lebhaftem Verständnis in eifriger Spürarbeit Funde aller Art zusammentrugen und so der Nachwelt erhielten. Überall auf der Finne – in Bachra, Lossa, Wolmirstedt, Borxleben, Braunsroda, Wischroda, Häseler, Schimmel usw. – wurden solche Entdeckungen gemacht. Damit ist der Gegenbeweis für die fälschliche Behauptung geliefert, Höhen wie die Finne seien in der Steinzeit nicht besiedelt gewesen. Es ist sogar aus der Tatsache, dass die wesentlichen Fundorte an der ehemaligen Poststraße Essleben–Klosterhäseler–Burghäseler liegen, zu erkennen, dass hier schon in den ältesten Zeiten ein alter Völkerweg ging.
Diese Funde und verschiedene Reste von steinzeitlichen Siedlungen legen nach all dem vorher Gesagten den Schluss nahe, dass das Gebiet der Finne selbst auf den Höhen in der Steinzeit, aber der neolithischen (jüngeren) Periode, verhältnismäßig stark besiedelt gewesen ist.
Diese Urbewohner unserer Heimat kannten auch schon die Schriftsprache, wie aus vereinzelten Steinfunden aus ziemlich frühen Abschnitten der jüngeren Steinzeit – also etwa 3000 Jahre vor Christus – zu ersehen ist. Sie gehören dem nordindogermanischen Elb-Saale-Kulturkreis der Steinzeitperiode an, die mit dem großartigen Schlussakkord der schnurkeramischen Ausbreitung ihren Abschluss fand.

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Zum Schluss dieser Betrachtung komme ich zu dem für diese Forschung Wichtigsten:
In diesen Abschnitt der jüngeren Steinzeit von 5000–2000 v. Chr. fällt die Entstehung des indogermanischen Begriffs „Axt“ = agési (siehe Forschungsbericht 2).
Aber wohl gemerkt: die Formung des indogermanischen Begriffs „Axt“ als Gerätbezeichnung; das gemeingermanische Wort agizi, das auf den indogermanischen Stamm zurückgeht, und die heute gebräuchliche Schreibweise entwickelte, entstand in der Kulturperiode der germanischen Bronzezeit (also zwischen 2000–500 v. Chr.).
Diese sprachgeschichtlichen Vorgänge bilden allein die Grundlage einer gewissenhaften, ja überhaupt möglichen Untersuchung. Ich muss darum unten in einem besonderen Abschnitt näher darauf eingehen. Hier sei nur zum besseren Verständnis des Folgenden kurz eine Übersicht über die großen Entwicklungsperioden gegeben:
Entsprechend dem großen vorgeschichtlichen „Dreiperiodensystem“: Steinzeit – Bronzezeit – Eisenzeit, bis hin zum Eintritt der Germanen in die deutsche Volksgeschichte, teilt man auch die germanische Sprachgeschichte in große Zeitabschnitte ein: Kluge z.B. nimmt folgende Aufteilung vor:
Der Steinzeit entspricht etwa: 1. Die vorgermanische Zeit (Axt = agési, agzi)
Der Bronzezeit entspricht etwa: 2. Die Urdeutsche Zeit (gemeingermanisch Axt = agizi) (Weltgermanisch Halfter, Stiel = halftra, halmo)
Der Eisenzeit entspricht etwa: 3. Die Altdeutsche Zeit
Der neueren Zeit innerhalb der christlichen Zeitrechnung entspricht dann ungefähr die Entwicklung des Mittelhochdeutsch zum Neuhochdeutsch. Zu beachten ist bei dieser Gegenüberstellung natürlich, dass man eine genaue Abgrenzung nicht vornehmen kann.
Zur Veranschaulichung der sprachgeschichtlichen Entstehung des Wortes Axt gebe ich im Grundriss die wichtigsten Formen der Steinbeile bzw. Steinäxte wieder:

Nirgend auf der Erde ist eine solche Schönheit der Steinwaffen, der Streithämmer und Streitäxte mit soviel Sorgfalt und feinem Kunstempfinden entfaltet worden, wie im nordindogermanischen Kulturgebiet. Man muss die hohe Technik und den klassischen Adel der Formgebung bei diesen Arbeiten in Felsgestein, den Kunstwerken in Feuerstein bewundern.
Dazu im wörtlichen Auszug abschließend eine treffende Charakteristik von Schirmer:
„Das indogermanische Urvolk war im wesentlichen ein Volk von Viehzüchtern (Nomaden), kannte aber in den westlichen (europäischen) Teilen seiner Sitze daneben früh einen primitiven Ackerbau. Die wichtigsten Haustiere (ohne Katze und Esel) wären ihm bekannt; die nur im Süden heimischen Tiere fehlten. Die in Europa heimischen Teile des Urvolks kannten gut den Wald, seine Bäume und Tiere. Obst- und Gemüsebau fehlte noch. Ansiedelungen mit einfachen, wohl hölzernen einräumigen Wohnhütten waren bekannt, man siedelte aber häufig um, kannte den Wagen, konnte die Wände der Wohnungen auch aus Flechtwerk herstellen und in Lehm kneten. Kahn und Ruder waren dem Urvolk vertraut, ein Seefahrervolk war es aber nicht; das Meer kannten wohl überhaupt nur Teile von ihm (welches? Ostsee? Schwarzes Meer?). Gold und Silber waren vielfach bekannt, sicher das Kupfer (Erz); noch nicht vertraut war man mit dem Eisen und dem Schmiedehandwerk. Man besaß immer aus Honig und Gerste hergestellten Rauschtrank (Met), kannte aber noch nicht den Wein. Die Familiengemeinschaft war eine agnatische Vaterfamilie (Großfamilie), die Stellung der Frau war unfrei. Das Stammgefühl, aber nicht das Heimatgefühl, war stark entwickelt. Der Rechtsbegriff der Ehe bestand; im Rechtsleben spielten Blutrache und Wergeld eine Rolle. Religiöse Vorstellungen waren entwickelt, ohne dass uns Götternamen bekannt wären. Eine fatalistische Schicksalsauffassung war besonders ausgeprägt. Zahlen und Maße waren geläufig. Auch bestand wohl ein schwacher Geschenkhandel, z.T. aufgebaut auf hochgeachteter Gastfreundschaft.“
Das waren unsere steinzeitlichen Vorfahren auch im Finne-Schmückegebiet. Von ihnen stammt die Urform unseres Wortes Axt (nicht unser Name!). Ich stelle also fest, dass die erste Grundlegung zur Entstehung unseres späteren Familiennamens durch die Gerätbezeichnung agesi bzw. agzi in dieser vorgeschichtlichen Steinzeit erfolgte.
Schwieriger ist die Frage zu lösen, ob denn dieser Sprachverwandtschaft die Blutsverwandtschaft zur Seite steht. Die Antwort darauf überlasse ich Kossinna:
„Alles das Schöne und Große, das die Steinzeit Mitteleuropas geleistet hat, gehört zu Kulturen von Völkern, die wir in frühester geschichtlicher Zeit in Mitteleuropa größtenteils überhaupt nicht mehr antreffen, wie die Mehrzahl der Südindogermanen. Denn am Ende der Steinzeit haben diese nicht nur Mitteleuropa, sondern größtenteils sogar Europa verlassen, um als Arier nach Asien überzutreten, und nur noch der nördlichste Zweig der südindogermanischen Thraker reichte über das östliche Ungarn nach Mitteleuropa hinein. Aber auch von den Nordindogermanen sind um dieselbe Zeit die Ur-Griechen und die Ur-Italiker aus Mitteleuropa abgewandert. Und in frühgeschichtlicher Zeit, d.h. um Christi Geburt, finden wir dort neben der Hauptmasse der Germanen nur noch Reste der ins Nordbalkangebiet übergetretenen Illyrier, die in Westungarn und Österreich unter dem Namen der Pannonier sich befinden, und ebenso noch Reste der zumeist nach Nordfrankreich und England übergesiedelten Kelten in West-Süddeutschland und der Schweiz. Der Bereich der gleichfalls nordindogermanischen Germanen beschränkte sich in ihrer frühesten Stammgruppierung innerhalb der Steinzeit auf Skandinavien und Dänemark. Dass diese im eigentlichen Sinne germanischen Gebiete in jener frühesten Bildungsepoche dem soeben ausführlich geschilderten Mitteleuropa vollkommen ebenbürtig zur Seite stehen, geht aus der Kunst der Bearbeitung der Streithämmer und Waffen aus Feuerstein hervor…“
„Noch viel Erstaunlicheres bietet die germanische Bronzezeit, d.h. die Kultur eines Gebietes, das sich nun nicht mehr auf Skandinavien beschränkt, sondern sich auch über einen breiten Küstenstrich Norddeutschlands erstreckt, zuerst nur zwischen Ems und Oder, später, während der jüngeren Bronzezeit, zwischen Ems und Weichsel“.
Die Bronzekultur ist nach Kossinnas Ansicht eigenes Gut der Germanen, auf germanischem Boden erwachsen (nicht aus dem Orient, auch nicht von den Kelten übernommen!).
Da das indogermanische Urvolk zu Ende der Steinzeit unser mitteleuropäisches Gebiet, also auch Schmücke und Finne verließ und die Germanen in diese Gebiete einwanderten, erhebt sich die Frage: Wo kamen die Germanen her? Zweifellos aus dem Norden, wahrscheinlich aus den Gebieten Nordskandinaviens. Was den Anlass zu den gewaltigen Völkerverschiebungen zu Ende der Steinzeitperiode gab, was die indogermanischen Urvölker zu ihrer südöstlichen Abwanderung, zum Verlassen des mitteleuropäischen Gebietes, bewegte, liegt in rätselhaftes Dunkel gehüllt. Es werden immer nur Vermutungen bleiben, die dieses vorgeschichtliche Geheimnis zu lüften versuchen. Am nächsten liegt die Annahme, dass der allmählich wachsende Druck der von Norden nach Süden nachschiebenden Germanen die Ursache der jahrtausendelangen Völkerverschiebungen wurde.
Vermutlich hatte der germanische Stamm als Hirtenvolk mit der westlichen Völkergruppe der Indogermanen die nördlich-nordöstliche Heimat verlassen. Durch den Strom indogermanischer Stämme durch die südrussischen Niederungen (im Kaukasus finden sich heute noch Reste dieser Indogermanen) und durch die Züge der Italer und Kelten wurden den Germanen wahrscheinlich die Wege gewiesen. Dass ein fortwährender Verkehr zwischen den ausgewanderten Indogermanen, auch Völkern unverwandter Rasse, und den nachrückenden Germanen zu einem regen Austausch von Kulturerrungenschaften führte, lässt sich noch im Lichte der Sprache eindeutig nachweisen.
So beginnt zwar mit der Sesshaftwerdung der Germanen in Mitteleuropa eine neue völkergeschichtliche Epoche, aber sprachlich war der Grund bereits durch das indogermanische Urvolk gelegt.
[…] [Anm.: Den Forschungen der historischen Sprachwissenschaft verdanken wir wichtige Erkenntnisse über die frühen Entwicklungsstufen der deutschen Sprache. Seit der Erschließung altindischer Texte erkannte man, dass die germanischen Sprachen gemeinsam mit vielen anderen europäischen und asiatischen Sprachen zu einer Sprachfamilie gehören. Diese Sprachen gehen auf eine gemeinsame, nicht schriftlich überlieferte Ursprache zurück, die mehrere Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung gesprochen wurde. Aus dieser sprachlichen Verwandtschaft lassen sich jedoch keine Rückschlüsse auf eine biologische oder ethnische Verwandtschaft ziehen.]

Die drei großen stammverwandten Völker in Mitteleuropa (um 1800 v. Chr.)


Grundriss eines altgermanischen Hauses (vorchristliche Zeit)
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Wer bewohnte unsere Ahnenheimat in der Bronze- und Hallstattzeit (ca. 2000–500 v. Chr.)
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„Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkel unerfahren und immer in rascherem Tempo.“ – Goethe
Warum die Steinzeit Steinzeit heißt ist klar. Und warum Bronzezeit? Weil diese ganze Zeit von der Entdeckung der Bronze bestimmt ist, die nun die steinzeitlichen Waffendurch Bronzewaffen verdrängte und sowohl den Schmuck der Frauen als auch alle Gebrauchsgegenstände beherrschte, wenn auch noch steinerne Werkzeuge und Gegenstände in Gebrauch blieben. Seitdem kam die Entwicklung von Stoff zu Stoff nicht mehr zur Ruhe. Die Bronze löste den Stein ab, das Eisen die Bronze und herrschte bis zur Erfindung des Stahls; der Stahl bleibt, aber neue Stoffe treten an seine Seite, z.B. das Leichtmetall. Und heute leben wir im Zeitalter des Kunststoffs. Eine Periode löste die andere ab, und immer in rascherem Tempo.

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Wo hatte man vor 4000 Jahren die Bronze her? Aus dem Orient, wie bisher behauptet wurde? Nein, ganz im Gegenteil. Die Bronze, Kupfer mit 2–10 % Zinn versetzt, ist ureigenstes Gut der Germanen. So sagt Kossinna:
„Dort, wo dank des Vorkommens reicher und leicht abbaufähiger Kupferlager am frühesten eine starke Kupferindustrie sich entwickelte, und wo sich zugleich diesen Kupferlagern ebenso leicht zugängliche Zinnlager zugesellten, da kam die Bronze zuerst auf. Dies war der Fall in Spanien und Südengland. Aus diesen Ländern mit frühestem Auftreten einer Bronzeindustrie hat sich die neue Erfindung zuerst nach dem südlichen Mitteleuropa, insonderheit dem nördlichen Österreich, fortgepflanzt, dann auch die übrigen Gebiete Südeuropas (Italien), Westeuropas (Frankreich), Mitteleuropas (Norddeutschland, Ungarn) und schließlich Nordeuropas erreicht, während Osteuropa völlig versagte und bis heute weiter versagt hat, weil es dort während der Bronzezeit an der Siedlung eines höherstehenden Volksstammes gemangelt haben muss. Überall sehen wir neben den allereinfachsten allgemeinen europäischen Gerätetypen, wie dem Beil, das seine steinzeitliche Gestalt nun allmählich umbildet, sogleich eine große Anzahl einheimischer Typen entstehen.“
Und in der Tat hat man die wunderbarsten Formen von Gegenständen dieser Bronzezeit gefunden, deren ich einige zur Darstellung bringe.

Noch einige typische und wunderschöne Axtformen der Bronzezeit sollen zeigen, welche Bedeutung der Axtstiel im Laufe der Entwicklung der Axtform gehabt hat. Er ist keineswegs von nebensächlichem Wert gewesen. Wer etwas von der Holzbearbeitung und Herstellung eines Axtstiels versteht, wird sich der Schwierigkeit bewusst werden, mit der damals ein Stiel befestigt werden musste. Dazu kommt, dass die Axt vornehmlich in der Bronze- und älteren Eisenzeit eine besondere kultische Bedeutung gehabt hat, die ich weiter unten noch näher ausführen werde, sodass aus dieser Tatsache mit hervorgeht, wie sich eine eigene Stieltechnik entwickelt haben muss.

zu 4.: Die Furchen an der Lederumwicklung zur Befestigung des oberen Teils der Bronzeklinge an dem kürzeren Ende des Holzschaftes sind sowohl an dem kürzeren als auch an dem längeren Ende des Schaftes sichtbar.
Man ersieht also aus den Abbildungen, dass in der Steinzeit und älteren Bronzezeit die Axtstiele noch mithilfe von Lederriemen in den oberen Klingenhöhlungen befestigt wurden und zwar eigens dafür im Walde gesuchte winkelige knorrige Haselnuss- oder Weißdornäste. Später schmiedete man besonders zur Einfügung eines Stiels ein Schaftloch, wie es aus den Abbildungen unten zu ersehen ist.
Wie war die Lebenslage unserer Ahnen in der Bronzezeit?

Aus den uns erhaltenen Gräberfunden kann man den Schluss ziehen, dass sich z. B. die Wohnungsverhältnisse dieser Zeit gegenüber der Steinzeit wesentlich gebessert hatten. Der Vornehme wohnte jetzt schon in festem und z. T. kunstvoll gefügtem Holzbau, während der einfache Mann sich Lehmfachwerkhütten errichtete oder noch, wie früher schon in der Steinzeit, in Wohngruben hauste, die mit festem Reisigdach und Lehmbelag überdeckt waren. Im allgemeinen ist aber zu sagen, dass in dieser Zeit der Bronzekultur der feste Holzbau mehr und mehr Allgemeingut auch der einfachen Siedler wurde. Nichts ist dafür so kennzeichnend wie die Verpflanzung des bereits steinzeitlichen nordischen rechteckigen Pfostenhauses mit Vorbau durch den Zug durch Griechenland in das Gebiet der blondhaarigen, achaiischen Großkönige von Mykenai und Amyklai. In dieser Bauart, dem sog. Megaron-Haus, ist die Vorstufe des griechischen Tempels zu sehen. Die Aufdeckung der Bronzezeitsiedlung bei Lissdorf bestätigt diese Annahme.
In der älteren Bronzezeit bestattete man noch seine Toten, und zwar teils in hockender, teils in gestreckter Haltung. Die jüngere Bronzezeit hingegen führte verhältnismäßig rasch die Leichenverbrennung ein, die bis dahin bei den Germanen nicht oder wenig gebräuchlich war.
Eine starke Besiedlung Thüringens und vorwiegend des nordöstlichen Teils, also unseres Heimatgebiets, lässt sich aus den zahlreichen Funden schließen, die gerade im Schmücke-Finnegebiet gemacht worden sind. Auf Grund der verschiedenen Geräte- und Gefäßtypen konnte man die Bronzezeit in verschiedene Perioden einteilen. Die älteste Bronzezeit wird gekennzeichnet durch den Aunjetitzer Gefäßtypus und die Aunjetitzer Nadel (s. Dr. Schulz: „Über die Bevölkerung des Saalkreises in der Bronzezeit“, 1912) und eine Ösennadel in Säbelform.
In diese urdeutsche, einheimische, gemeingermanische Kulturperiode fällt die Entstehung der festen Gerätebezeichnung agizi für Axt. Im indogermanischen Sprachgebrauch erstmalig geprägt, wird dieses Wort in starker Ablehnung von der älteren Bronzezeit übernommen, was einfach aus der Tatsache erhellt, dass unsere germanischen Vorfahren in der älteren Bronzezeit ja auch zunächst die steinzeitliche Waffe „Axt“ übernahmen und erst allmählich durch Bronzeäxte ersetzten.
Dieses Wort agizi der älteren Bronzezeit wurde nun Grundlage und Anfang der sprachgeschichtlichen Entwicklung unseres Wortes Axt durch die Jahrtausende hindurch bis auf den heutigen Tag. Und mit Stolz kann man sagen, dass sich dieser Bestandteil unseres Namens durch die lange Entwicklung hindurch frisch erhalten hat von fremdsprachlichen Einflüssen. Sowohl sachlich als auch sprachlich atmet dieses Wort Axt noch heute den kämpferischen Geist der älteren Vergangenheit unserer germanischen Vorfahren und damit der künstlerisch reichen Kulturepoche der Germanen.
„Die Bronzezeit ist diese tausendjährige goldene Zeit des Germanentums“. […] „Golden nicht nur, weil die Germanen damals durch ihren Bernsteinhandel viel Gold besaßen, das sie ebenso wie die Bronze zu herrlichen Werken zu verarbeiten wussten, sondern auch, weil ihre Kultur in dieser Zeit den Eindruck großer Ruhe, Geschlossenheit und Selbstsicherheit macht.
Die Blüte, die sie etwa um 1000 v. Christo erreicht, vergeht bald. Dass sich in der jüngeren Bronzezeit vom Südosten her ein neuer Glaube, die Leichenverbrennung, durchsetzt, bringt es mit sich, dass die Grabfunde uns von da an nicht mehr soviel sagen; aber auch das Erhaltene beweist, dass mitteleuropäische Einflüsse des Hallstattkreises die Oberhand gewonnen haben, und gegen den Schluss dieser Zeit gehen die alten Formen in äußerlichem, übertriebenem Prunke unter, und nur wenig davon setzt sich in die frühe Eisenzeit fort. Trotzdem ist die erste Blütezeit germanischer Kultur für alles spätere Germanische innerlich bestimmend geblieben, und man kann es nicht verstehen ohne eindringliche Kenntnis der Bronzezeit. Das gilt für den späteren Götterglauben, dessen Wurzeln in sie zurückreichen, aber auch für die spätere germanische Kunst. Die ruhige Zierkunst der Bronzezeit lebt nicht nur, wenn auch mit anderem Formenschatz, in den schönen germanischen Mäanderurnen der ausgehenden frühen Eisenzeit, sondern auch in einer gewissen strengen, ruhigen, fast nüchternen Richtung der völkerwanderungszeitlichen und wikingerzeitlichen Kunst trotz aller phantastischen Unruhe, von der sie in mannigfachen Mischbildungen durchzuckt wird, zumindest dem Geiste nach doch fort. Ja, in der neueren Zeit steht der Norden dieser kühlen gediegenen Beherrschtheit wieder nahe. Die Granitkirchen Uplands, die Geschlossenheit von Strängnäs oder Gripsholm, die vornehme Schlichtheit der Inneneinrichtung weisen einen eigenen, den schwedischen Stil. Auch in der Dichtkunst bleibt es nicht bei den ins Heldische gesteigerten Schöpfungen der Völkerwanderung oder bei den Künsten der Skalden. Germanische, auch nordische Volksdichtung ist bei aller Tiefe einfach und durchsichtig. Und in den ländlichen Volksfesten des heutigen Schweden schwingt noch etwas von jener bronzezeitlichen Festesfreude nach, die die Felsritzungen von Bohuslän zeigen.“ (s. Dr. Schulz: „Über die Bevölkerung des Saalkreises in der Bronzezeit“, 1912)
Eben weil die Bronzezeit die Grundlage unserer gesamten deutschen kulturgeschichtlichen und volkheitlichen Entwicklung ist und dazu die hervorragendsten Fähigkeiten germanischen Bildungswillens ans Licht hob, und weil gerade diese Zeit die Wiege unseres Namens ist, darum muss ich mich vermehrt mit ihr beschäftigen. Es hieße diese Zeit nur halb verstanden, wenn man nicht auch die wunderbaren Leistungen in der Schiffbaukunst, wie überhaupt in der Kunst der Holzbearbeitung betonen wollte. Bronze, Zierrat, Holz und Flechtwerk sind aus der Hand des bronzezeitlichen Vorfahren als ein Ruhmesblatt dieser Periode der Nachwelt erhalten.
Besonders wichtig sind die Fortschritte in der Verarbeitung des Holzes. Dass die Steinzeit schon den Grund zur Holzbauweise legte, wurde oben erwähnt. Die Bauart des Megaron-Hauses mit ihrer wuchtigen hochgiebeligen Höhe, dem Vorbau und der geräumigen Halle, bleibt – trotz einiger anderer Bauarten – als Wohnhaus für alle Zeiten beherrschend. (Eine genaue und lebendige Darstellung findet man in dem Werk von Dr. Schultz, München 1934: „Altgermanische Kultur in Wort und Bild“).
Welche Ursachen führten zum Rückschritt von dieser Kulturhöhe der Bronzezeit? Die neueste und wohl stichhaltigste Feststellung ist diese: Zu Ende der Bronzezeit setzte vorwiegend in den Nordländern eine Verschlechterung des Klimas ein. Dadurch drängten die nördlich ansässigen Germanen-Bauern südwärts, es entstand eine zu schnelle Überbevölkerung, die der Ertrag des ackerbaufähigen Bodens nicht in der früheren Weise nähren konnte; die Menschen verarmten. Denn auch die Seen stiegen, die Waldungen wurden sumpfiger, der Fischfang litt und die Jagderträge gingen zurück. Dazu kamen erbitterte Stammesfehden, Wanderungen usw., die die allgemeine Kulturminderung begünstigten. Wenn auch bald wieder bessere Verhältnisse eintraten, so steht das Germanentum doch fast ein Jahrtausend unter diesen Unheilszeichen. Seine Kultur blieb trotzdem auch in dieser Zeit bewundernswürdig, wie Tacitus uns bezeugt, dem die Germanen sogar zum Vorbild und zur Mahnung für das verderbte Rom werden.
„Die Ausbreitung der germanischen Stämme und Völker in der späten Eisenzeit, die sich in der frühen vorbereitet“, so sagt Schultz, „stößt auf ganz andere Hindernisse als seinerzeit die Abwanderung der indogermanischen Einzelvölker aus den Stammgebieten. Die Indogermanen trafen allenthalben auf Völker, denen sie meistens kriegerisch überlegen waren, und kamen in günstige Gegenden, in denen sie alte Kulturen aus eigener bereichernder Kraft fortsetzen konnten. Die Germanen hingegen stießen, als Überbevölkerung und Not sie bedrängten, auf den hemmenden Wall anderer indogermanischer Völker; im Westen und Süden auf die Kelten, im Osten auf die Illyrer. Diese Schwierigkeiten steigern sich später durch die Ausbreitung des römischen Reiches, den römischen Grenzwall (Limes), die römische Politik. So erklärt sich die Hochspannung im späteren Germanentum, die ihm sein kulturgeschichtlich eigenartiges Gepräge gibt. Erst der Vorstoß der Goten, die Eroberung südlicherer Wohnsitze auf dem Boden des Römischen Reiches, ermöglicht einen neuen Aufstieg. Aber die spätere Eisenzeit der Germanen ist heldisch aufgepeitscht, übersteigert. Die heitere ausgeglichene Ruhe, die sich in der germanischen Bronzezeit aussprach, steht zu ihr in starkem Gegensatze. Das muss man sich vor Augen halten, um die kulturgeschichtliche Spannweite des Begriffes ‚germanisch‘ zu ermessen.“
Mit dem Ausklang der Bronzezeit und der fortwährenden von Norden nachschiebenden Bewegungen der Germanen beginnen die Stämme und Völker sich als geschichtliche und kulturgeschichtliche Persönlichkeiten zu entfalten.
„Im nächsten Jahrtausend ist das dann noch mehr der Fall. Immer schwerer wird es, das Germanische als Gesamtbegriff festzuhalten, ohne zugleich die reich aufspaltenden Eigenheiten seiner Vertreter gesondert herauszustellen. Kein Wunder bei dem inneren Reichtum des Stammeslebens und bei den großen Räumen, über die hinweg germanisches Wesen sich ausbreitet und aus denen es sich immer wieder neu gestaltet. Mit der späten Eisenzeit setzen dann auch eigene Sprach– und Schriftdenkmäler reicher ein. Die Völkerwanderung bringt eine neue, mit neuen Formmitteln arbeitende Kunst, und die Wikingerzeit des Nordens, in vielem schon Nachblüte, steigert alle Äußerungen der Kultur noch einmal zu einer geschlossenen Gesamtwirkung von einziger Einheitlichkeit und Größe.“
Nach dieser grundlegenden Betrachtung komme ich zu dem eigentlichen Anliegen dieser Untersuchungen zurück. Anhand einer Prunkaxt aus der Bronzezeit gebe ich zwei kurze Darstellungen, deren Inhalt ebenso merkwürdig wie aufschlussreich für unsere Untersuchungen ist.
Zunächst die Abbildung einer Prunkaxt:

„Prunkaxt aus der frühen Bronzezeit; Bronze auf Tonkern gegossen. Solche Äxte wurden öfter paarig gefunden, den Zwillingsgöttern oder Zwillingskönigen entsprechend, deren Herrscherzeichen sie wohl waren“ (wie aus Steinritzungen hervorgeht, [Schultz]).
Dazu einige Formen aus der späten Bronzezeit:

Bei allen diesen Axthämmern ist eins bemerkenswert gegenüber den steinzeitlichen und frühbronzezeitlichen Typen; sie haben einen regelrechten Stielhals bzw. Schaftloch, in das ein Stiel genau passend hineingearbeitet werden musste.
Daraus geht hervor, dass nunmehr der Herstellung eines Axtstiels weit mehr Sorgfalt zugewandt werden musste, als dies früher notwendig war. Es entwickelte sich also mit dem Fortschreiten der Axtform eine eigene genauere Stieltechnik, aus der schließlich ein Handwerk geworden ist, das dem der Axtschmiedekunst zur Seite trat.
Tatsächlich tritt – in der späteren Bronzeperiode, bzw. in der Hallstattperiode (sprachlich also in der urdeutschen Zeit, westgermanisch) – der Begriff Stiel in dem Wort Halbmo = Handhabe/Stiel auf, das aus derselben Wurzel hervorgeht wie Halftra = Halfter. Da beide Wörter ursprünglich die Bedeutung „Handhabe“ hatten, verstand der Germane unter Halftra die Handhabe zum Halten des Tieres, des Pferdes (Zaum), und unter Halbmo, bzw. Halmo die Handhabe zum Halten der Axt.
Auf die sprachliche Ableitung gehe ich unten noch ein. Wir stellen zunächst fest, dass mit Abschluss der Bronzezeit bzw. Beginn der Eisenzeit, der Name Axthelm bereits seine begriffliche Grundlage erhalten hat. Ob in dieser Zeit schon die Zusammenziehung agzi + halmo = akz(i) halmo erfolgte, ist eine Frage, auf die ich unten noch eingehe.
Jetzt muss ich erst noch eine religionsgeschichtliche Tatsache in Betrachtung ziehen. Kossinna schreibt:
„Diese wunderbar reiche zweite Periode der Bronzezeit ist es nun auch, die uns die Denkmäler germanischer Gottesverehrung zum ersten Male in ansehnlicher Fülle vor Augen führt. Schon die Steinzeit der Germanen hat dauerhafte Sinnbilder der Gottheit hinterlassen: besonders hier jene aufs sorgfältigste geformten und aufs feinste zugeschliffenen Steinbeile aus Feuerstein zu nennen, die von so gewaltiger Größe sind, dass sie weder als Waffen noch als Werkzeuge zu benutzen waren und mitunter in größerer Anzahl vereint und in offenbar ritueller Anordnung der Erde anvertraut worden sind. Desgleichen gehören hierher Bernsteinbeile von der Form der Steinbeile und Bernstein-Doppeläxte mit Schaftloch in der Form der Amazonenäxte, letzte zuweilen von betrachtlicher Größe und dann zweifellos Heiligtümer, meist aber von kleinster Gestalt, dies außerordentlich häufig, und dann als amulettartiger Schmuck zu betrachten.
All diese Beil- und Axtarten sind als Sinnbilder des allgewaltigen Himmelsgottes anzusehen, der zweifellos als persönliche Macht gedacht worden ist. Das Steinbeil und seine Miniaturnachbildungen in Stein oder in anderen Stoffen waren Abbilder des Blitzes, der Waffe des Himmelsgottes“.

Bild 1) Die heilige Axt als Sinnbild des Gottes nach der Art einer Standarte von ihrem Träger hingepflanzt.
Bild 2) Der Gott, fünffingerig, schwingt die Axt. Er trägt Halsband und Schwert. Unten seine Fußstapfen und der Wagen. Die abgeschirrten Pferde hinter ihm angedeutet. Oben bei der Axt zwei Männer, vielleicht die Zwillingsgötter, die Söhne des Axtgottes. Dazwischen Wolf und Rabe.
Bild 3) „Die Hochzeit“: Der Axtgott und sein Priester weiht das Paar. Der Mann ist durch das Schwert, die Frau durch den Haarschopf bezeichnet. Im Thrymliede der Edda sagt der Gott Thor: „Bringt mir den Hammer, die Braut zu weihen!“

Bild 4) Der fünffingerige Gott mit der Axt, durch eine Leine mit seinem Hengste verbunden.
Bild 5) Gott mit zwei Äxten, Hörnerhelm und Tiermaske.
Bild 6) Die göttlichen Zwillinge: im Schiffe die Zwillinge mit erhobenen Äxten dahinfahrend.

Bild 7) Axtgott mit großer Hand neben Ring und Sonnenrad (Kinnekulle, Västergötland)
Bild 8) Die Steinplatte (Kivik, Schonen/Südschweden) zeigt Äxte, wie sie der Pferdegott der Götterdreiheit der Sonnenverehrung in seiner Gestalt als Axtgott (Freyr) zuweilen trägt.
Die Vorstellungen von der Götterdreiheit bei den Germanen der Bronzezeit waren Gemeingut aller Germanen und Indogermanen. Diese Götterdreiheit bezieht sich auf Sonne, Mond und Morgenröte. Sonnengott und Mondgott bleiben sich ständig gleich. Dagegen umspannt der Gott der Morgenröte alle Formen der Naturgewalten. Er ist Windgott und Feuergott, Speergott und Axtgott und eilt als Pferdegott wie die Morgenröte der Sonne voraus. Seine große gespreizte Hand stellt Himmels-, Blitz- und Feuergottheit dar, die untrennbar ist von der Axt als dem Machtzeichen der Morgenröte, der Naturgewalt.

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Dieser Axtgott, der oft auch als Pferdegott auftritt, stellt eine offenkundige Vorstufe des späteren Wodan dar, des Windgottes und Speergottes (Nibelungensage!). Die andere Seite des alten Axtgottes, seine Eigenschaft als Gott der Morgenröte, als Feuergott, zugleich auch als Fruchtbarkeitsgott, lebt ganz sicher in dem späteren Freyr fort: beiden Göttern ist die Führung der Axt gemeinsam.
„Ja, das Sinnbild der Axt ist bei Freyr so unzertrennlich von seiner Gottheit geworden, dass der heilige Olaf, der christliche Nachfolger des Freyr in Schweden, noch lange Zeit mit einer lang geschäfteten Axt abgebildet wurde. Und ebenso hat sich der Sonnen- und Blitzgott allmählich zu Thonar weiterentwickelt. Sein Hammer, das Sinnbild des Blitzes, erscheint schon auf Felsenzeichnungen und das ihm zugehörige Bocksgespann ist nichts als ein Nachklang seiner eigenen ursprünglichen Bocksgestalt, die mit seiner Eigenschaft als Blitzgott zusammenhängen muss.“ (Kossina).
Warum führe ich alle diese Dinge so breit aus? – Weil nur genaue kulturgeschichtliche und sprachgeschichtliche Untersuchungen eine zuverlässige Grundlage für die Erforschung unseres Namens hergeben.
Aber was hat die ursprünglich göttliche Bedeutung der „Axt“ mit unserem Namen Axthelm = Axtstiel zu tun? Sehr viel! Denn wenn die Axt eine so geweihte Stellung bei den Germanen einnahm, dass man in ihr ein Heiligtum der Gottheit verehrte, dann ist daraus der Schluss nicht schwer zu ziehen, dass auf ihre Herstellung die allergrößte Sorgfalt gelegt wurde. Und wenn man mit Vorliebe die langschäftige Axt der Gottheit weihte, dann heißt das nichts mehr und nichts weniger, als dass der „Stiel“, die „Handhabe“, die unmittelbar des Gottes Faust umklammerte und die als Träger der göttlichen Waffe diente, auch eine gewisse Vorrangstellung unter den Gerätschaften der alten Germanen genoss. Sollte daraus nicht klar hervorgehen, dass die Herstellung des Axtstiels mit besonderer Liebe vorgenommen wurde, dass man nicht nur ein grobes Stück Holz in das Schaftloch der Axt passte, sondern es säuberlich bearbeitete, besonders zähes Holz dazu verwandte und vielleicht auch mit Zierrat, Schnitzereien usw. versah?
Noch heute ist die Herstellung eines guten, dauerhaften Axtstiels, der auch bequem in der Handhabe ist, eine Spezialität unserer Stellmacher und Zimmerleute, die nicht jeder versteht.
Ich gehe zurück zur heimatkundlichen Betrachtung und knüpfe an der Hallstattperiode an (nach dem Gräberfelde von Hallstatt im Salzkammergut benannt), die ich von 800–200 vor Christus rechne; man bezeichnet diesen Zeitabschnitt auch als frühe Eisenzeit. Diese Periode zeigt neben weniger solide gearbeiteten Bronzen auch schon die Benutzung des Eisens. Das ist die Zeit, von der Schultz sagt: Eisenzeit – Notzeit – Wolfszeit. Von der älteren Hallstattkultur wurde unser Heimatgebiet zwischen Harz und Thüringer Wald nicht berührt; bei dem Thüringer Walde schneidet ihre Herrschaft ab. Dagegen ist sie zu Ausgang der Hallstattzeit auch im nördlichen Thüringen heimisch. Die herrschende Bevölkerung dieser Kulturperiode waren die von Westen her vorgedrungenen Kelten, die von den nord-südlich drängenden Germanen der Bronzezeit zunächst nach Westen und Südwesten geschoben wurden, aber nun zu Ende der Bronzezeit (infolge der wirtschaftlichen und politischen Schwächung) wieder ostwärts vorstießen. Sie dehnten ihre Gebiete bis zum Harz hin aus. Die Namen für Bode und Saale, vielleicht auch Halle, sind vermutlich keltischen Ursprungs, wie ja auch der Name des Berges über Burgwenden, der ursprünglich penna hieß, keltischen Ursprungs ist und später unter germanischem Einfluss „Finne“ genannt wird.
Die gesamte Hallstattkultur, in der sich schon der Übergang zur Eisentechnik vorbereitete, war eine keltisch-illyrische Erscheinung, und schon gegen Ende der Bronzezeit haben von ihr aus eitler Prunk und wohlfeile Massenware auch bei den Germanen um sich gegriffen (Schultz). Das Eisen (das Wort „Eisen“ und auch das Eisen selbst bezogen die Germanen lange Zeit von den Kelten) kam vom Kaukasus, wurde von den Etruskern aus Kleinasien nach Italien gebracht, von da durch die Phryger zu den Thrakern und schließlich zu den Illyrern weitergegeben. Vom Kaukasus brachten es die Hetiter auch nach Ägypten und Indien. Von den Skythen und verwandten-iranischen Völkern wurde es den Finnen, Litauern und Slawen weitergegeben, die Westfinnen dagegen erhielten es erst wieder von den Germanen. Auf verschiedenen Umwegen erreichte das Eisen also den germanischen Norden. So ist verständlich, wie sich rings um die Germanen ein Ring eisenbesitzender Völker bildete, die alle als indogermanische Stämme miteinander verwandt waren. Besonders von Ost und West stark bedrängt, verfallen die Germanen der Armut und dem Schicksal der Auswanderung und können ihren Feinden nur eine ständig sich steigernde, verzweifelte Tapferkeit entgegensetzen. Das Eisen blieb fast bis zum christlichen Zeitbeginn unter den Germanen ein seltenes und oft vergeblich begehrtes Gut.
Die Germanen dringen infolge der eben geschilderten Notlage in Richtung des geringeren Widerstandes nach Osten und Südosten vor, da ihnen im Westen von den Kelten der Weg verlegt wurde. Diese Situation gab dem ganzen Zeitabschnitt sein Gepräge und entscheidet auch über den nächsten, da sie zuletzt vom Südosten her griechisch-skythische (sarmatische) Anregungen empfingen und Rom überwinden und durchdringen – beides die Vorgänge, die ihre neue Blüte im nächsten Jahrtausend vorbereiteten. Jedoch auch in der Richtung des größeren Widerstandes ernten sie Ehre. Sie erweisen sich den Kelten trotz allem bald überlegen und gewinnen gegen sie Raum. Endlich breitet sich vom Süden her das römische Weltreich aus. Der Kelten wird es Herr, der Germanen nicht.“ (Schultz)
Die Kelten zeichneten sich während der Bronzezeit weder durch schöpferische noch politische Leistungen aus. Trotz aller äußeren Begünstigungen und vorübergehender großer Erfolge spielte ihre Kultur eine verhältnismäßig dürftige Rolle. Sie unterlagen sogar zeitweise dem Eindringen der Illyrer, denen aber bald die Germanen im rauh gewordenen Osten das Klima und zuletzt die Einfälle des Reitervolks der Skythen unbequem wurden. Als dann die Illyrer ihr Gebiet im Nordosten räumen mussten, haben die Germanen davon weit weniger Vorteil als die Kelten, die schnell hochkommen und im Westen zunächst die nicht-indogermanischen Ligurer und Iberer überrennen.

Keltische Silbermünze vom Dünsberg © Wikipedia
Die Kelten stoßen schließlich im 5. Jahrhundert nach Spanien, im 4. nach Oberitalien und durch Gallien nach Britannien vor, im 3. die Donau abwärts bis zum Schwarzen Meer, selbst nach Delphi und Kleinasien, wo sie das Reich der Galater gründen (s. Brief an die Galater im Neuen Testament). Durch diese Eroberungen nach Süden kommen sie in unmittelbare Berührung mit den Kulturen des Südens. Die Kultur der Etrusker wird sowohl von den Etruskern auf Italien als auch durch das griechische Wesen von Massilia her befruchtet. Die Kelten entwickeln eigenes Münzwesen, bilden aber vom 5. Jahrhundert an im Ganzen eine eigentümliche Mischkultur aus, die man nach einem aus einer Untiefe (La Tène) des Neuenburger Sees in der Westschweiz gehobenen Funde als La-Tène-Kultur bezeichnet.
Bevor ich auf den Einfluss dieser Kulturepoche auf Germanien eingehe, will ich anhand von Funden die Hallstattkultur unserer Ahnenheimat beleuchten. Einzelfunde dieser Kultur wurden zutage gebracht in Altenbeichlingen, Auerstedt, Bachra, Weichlingen, Bilzingsleben, Burghessen, Burgwenden, Kölleda, Dietrichsroda, Donndorf, Griefstedt, Großmonra, Hauterode, Herrengosserstedt, Lossa, Niederholzhausen, Oberheldrungen, Sachsenburg, Reinsdorf, Steinbach und Steinkreuz bei Sachsenburg. In Reinsdorf wurde beim Bau der Unstrutbahn 1888 in der Nähe des Dorfes ein Depotfund gemacht.
Gräber aus der Hallstattzeit fand man in Backleben, Kölleda, Battgendorf, Etzleben, Gorsleben, am Bonifatiusberg bei Harras, an der Teufelsburg bei Hauterode, im Schlossholz bei Heldrungen und am Schottenberg bei Wiehe. Prof. Götze schreibt in seinem Werk „Die vor- und frühgeschichtlichen Altertümer Thüringens“: „Die Zahl der Gräber auf der Schmücke, teils Flach-, teils Hügelgräber mit Leichenbestattung, ist sehr groß; der Höhenzug ist oder war förmlich damit bedeckt.“ In diesem Werk werden besonders die Gräber in den „Sieben Hügeln“ auf der Hainleite im sogenannten „Götzenhain“, ziemlich 2 km von Sachsenburg gelegen, behandelt. Auch innerhalb der Umwallung der Sachsenburg sind Bronzegräber aufgedeckt. 1902 wurde in Memleben oberhalb des oben erwähnten steinzeitlichen Grabes ein Grab aus der Hallstattzeit aufgedeckt. Da in der Hallstattzeit die Leichenverbrennung bereits stark gebräuchlich war, wundert man sich über diese Massenbestattungen. Vermutlich wurden diese Bestattungen auf einem Wanderzuge in der Eile vorgenommen, wenn keine Zeit für die Verbrennung übrig blieb.

Goldinventar des Fürstengrabhügels von Leubingen
Als besonderer Fund ist das berühmte riesenhafte Fürstengrab im Leubinger Hügel zu erwähnen mit seinem Goldschmuck von hohem Wert und seinen einzigartigen kulturgeschichtlichen Enthüllungen. Ich wies schon im 1. Teil [d. Forschungsberichtes] darauf hin (in Halle im Museum für Vorgeschichte aufgestellt).
Ferner wurde am südlichen Hange der Sachsenburg in einer Lehmgrube unweit des Dorfes eine hallstattzeitliche Ansiedlung aufgedeckt. An Einzelfunden sei nur die im Gänseholz bei Eckartsberga gefundene Lappenaxt erwähnt, die eine Länge von 15 cm hat und 365 g schwer ist.
Welche Schlüsse kann man aus alldem ziehen? Dass während der Hallstattzeit unser Heimatgebiet vorwiegend von Kelten bewohnt war oder durchzogen wurde.
Hat diese keltische Überfremdung etwas für die Entwicklung unseres Namens zu sagen? Nein! Denn der indogermanische Grundstock der Sprache, der von den Germanen teils übernommen, teils selbständig entwickelt war, wurde vom Sprachgut der Kelten kaum beeinflusst. Eine Fülle stammverwandter Wörter verbindet beide Völker, wobei das germanische Sprachgut das keltische überwog.
Ist dagegen eine Rasse- bzw. Blutbeeinflussung der Germanen während der Keltenherrschaft in Mitteldeutschland anzunehmen? Nein! Denn einmal sorgten die politischen Gegensätze dafür, dass sich die Germanen scharf von den Kelten absonderten, zum anderen waren die Wesensunterschiede so stark, dass sich beide, Germanen und Kelten, nicht vermischten.
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Wer bewohnte unsere Ahnenheimat in der La-Tène-Zeit bzw. der Eisenzeit (500 v. Chr. – Christi Geburt)
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„Ich glaub, der Deutsch‘ erfreut sich einer größeren Anlage; der Italiener doch hat seine mindere in diesem Augenblicke mehr entwickelt.“ – Hermann, in H. v. Kleists „Hermannsschlacht“ (1808)
Ohne Zweifel hatten keltische Völkerstämme das gesamte Gebiet des heutigen Thüringens bis zur Unstrut-Saalegrenze hin inne. Unter diesen keltischen Völkerschaften bildete sich seit ungefähr 500 v. Chr. eine eigene Kultur aus, die durch reichliche Verwendung des Eisens bei Geräten und Waffen sich charakterisiert. Diese Eisentechnik nahm ihre Verbreitung und drang auch zu nichtkeltischen Völkerschaften. Man lernte in dieser Zeit den Glasfluss und die Töpferscheibe kennen. Und doch wurden noch die meisten Gefäße, vor allem die größeren, die zur Aufbewahrung der Vorräte dienten, mit der Hand hergestellt. An die Stelle der Leichenbestattung trat noch mehr als in der Hallstattzeit die Leichenverbrennung. Die Brandknochen wurden in einfachen oder verzierten Urnen beigesetzt. Vielfach legte man auch noch eiserne Waffen und Schmuck bei.
Aber zu einer eigenen halbwegs in sich ausgeglichenen Kultur haben es die Kelten nicht gebracht. Dazu waren die Einschläge der rassenverschiedenen Vorbevölkerungen, die sie im Laufe der Zeit bei ihrer großen Ausbreitung in sich aufgenommen haben, offenbar zu verschiedenartig und zu ungünstig. Die zuletzt obersten Schichten frönten bald fremdländischem, römischem Luxus, das Volk war geknechtet, die Druiden sicherten sich ihre Priesterherrschaft.
„Der Firnis der Scheinkultur kann die erschreckende Wildheit nicht decken, die diesem mehr prahlsüchtigen als tapferen, aber in seinen Leidenschaften gefährlichen Mischvolke innewohnte.“ (Schultz).
Der indogermanische Grundstock des Keltentums, das noch nicht zu weitgehend vermischt war, stand den Germanen aber äußerst nahe, wie auch viele stammverwandte Wörter, die beide Völker verbinden, und die gemeinsame Vorliebe für das Waffenhandwerk kennzeichnen, wobei freilich die Germanen die Führung hatten. Denn die Kelten wichen Jahrtausende hindurch ständig vor den Germanen zurück, bis sie schließlich ihre Freiheit an die Römer verloren. Ja, einzelne Volksstämme waren sogar stolz, wenn sie sich germanischer Herkunft rühmten. Trotz allem Austausches gingen beide Völker keine tiefgreifenden Bindungen miteinander ein. Die Germanen haben zuweilen da, wo sie die Kelten zurückdrängten, deren äußeren Kulturbesitz zum Teil mit übernommen. Aber im ganzen standen sie den Kelten sehr ablehnend gegenüber und blieben in ihrem Kern unberührt.
Auch der geistige Einfluss des Keltentums auf die Germanen ist sehr unbedeutend, zumal die keltisch-germanische Mischkultur, die sich zuletzt unter römischem Einfluss herausbildete, sich vorwiegend auf die linksrheinischen Gebiete beschränkte. Der Einfluss der Kelten ist überhaupt immer sehr überschätzt worden. So hat z. B. die Verehrung der gabenspendenden, schicksalverhängenden Mutter, die in römisch-rheinischen Bildwerken und Inschriften vorkommt, ihre Parallelen bei den meisten indogermanischen Völkern und in den Disen und Nornen des Nordens. Wahrscheinlich ist sie eine zeitbedingte Ausprägung alten Stammbesitzes. Jedenfalls lässt sich kaum entscheiden, ob dieser Glaube bei den Kelten oder bei den Germanen seinen Ursprung hatte.
Der Gott Thunaras (Thor, Donar) ist bestimmt nicht keltischen Ursprungs, wie wir oben schon sahen, sondern stammt aus der Bronzezeit samt des Glaubens an die göttlichen Zwillinge.
Im Blick auf den späteren Übergang des germanischen Wesens ins Deutsche muss man zugeben, dass das Keltentum viel dazu beigetragen hat, „dass weichere Gefühle, die Neigung sich selbst zu bespiegeln und das Halbdunkel der Seele um sich griffen.“ (Schultz).
Die Germanen mussten sich also mit diesem Keltentum nicht nur nach außen, sondern auch innerlich auseinandersetzen. Das geschah. Aber dank der naturhaften Frische germanischen Wesens waren es vorwiegend positive Züge, die das Germanentum vom Keltentum in sich aufnahm, ohne damit sein Eigengepräge aufzugeben oder überhaupt nur merklich beeinflussen zu lassen.
Weit größer war die Gefahr, die dem Germanentum gegen Ende der frühen und Anfangs der späten Eisenzeit von den Römern drohte, die ihrer italischen Grundlage nach den Germanen wie den Kelten aufs nächste verwandt waren. Durch den Handel kamen Römer und Germanen erstmalig in Beziehungen zueinander. Die griechisch-römische Industrie versuchte, ihre Waren in Germanien abzusetzen, und ihre Handelsleute zogen donauaufwärts durch skythische und später im Westen durch keltische Gebiete in das noch unbekannte Nordland. Aus diesem Grunde ist es erklärlich, dass die Schriftsteller der Antike zunächst nur Skythen und Kelten kennen, obwohl der Grieche Pytheas gegen Ende des 4. Jahrhunderts schon einzelne germanische Namen nennt; er war von Massilia aus zu Schiffe soweit vorgedrungen, dass er das Wattenmeer und Helgoland kennenlernte und „die Sonne bald nach ihrem Untergang wieder aufgehen sah“.
Das urverwandtschaftliche Verhältnis zwischen Germanen und den italischen Römern erfuhr leider durch eine stark entfremdende Sonderentwicklung, das Einströmen des Etruskischen, des von Süditalien her Griechischen und die Entfaltung des Südländischen Reiches zum Weltreiche, eine grundsätzliche Wandlung. Schließlich kommen die Germanen selbst zu den Römern: zuerst die Stämme der Ambronen, Kimbern und Teutonen am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. Diese Auswanderer suchten in Oberitalien Land, wie einst die Kelten. Trotz überlegener Taktik und Bewaffnung vermochten die Römer die durch lange Wanderung und die Vermischung mit fremdem Zustrom verwilderten Scharen erst zu vernichten, als sie bereits durch den Einfluss des Südens verweichlicht und z. T. dem Trunke verfallen sind. In allen Berichten der Römer zittert aber noch der Schrecken nach, den diese gewaltigen, in ihrem Wollen und Tun den Römern ganz unverständlichen Eindringlinge ausgelöst haben.
So sind neben der tollkühnen, unerschrocken kriegerischen Angriffsweise ein kultischer Zug erwähnt: Gold und Silber wurden von diesen Germanen verächtlich in den Strom geworfen, und die grauhaarigen, barfüßigen, in Linnengewänder gekleideten Priesterinnen opferten die Gefangenen in riesigen, ehernen Mischkesseln, indem sie ihnen die Kehlen durchschnitten und aus ihrem Blute wahrsagten. Und die Weiber traten ihren Männern entgegen, wenn sie fliehen wollten; sie hieben sie nieder und griffen die Feinde selber an; sie ergaben sich nicht, sondern töteten ihre Kinder und sich selbst, wenn ihnen nicht zugesagt wurde, dass sie unberührt gelassen würden.
Das waren die ersten Germanen, die zum Angriff auf den Süden übergingen.
Erst später wurde den Römern deutlich, dass diese Völker von der Nordspitze Jütlands kamen, aber der weltgeschichtliche Sinn des Vorgangs blieb ihnen verborgen. Die erste germanische Völkerbewegung ist folgende: Mit dem Zuge der Kimbern von Nord nach Süd ist der Vorstoß der Langobarden zur Elbe verknüpft, desgleichen die Besiedlung Schlesiens durch die ebenfalls von Jütland und Südnorwegen nach der Odermündung vordringenden Vandalen und eine Reihe ähnlicher skandinavischer Zuzüge zur Weichsel, die erste Vorstufe der später von Osten hereinsetzenden germanischen Völkerwanderung! Die Vandalen bleiben im Lande, die Ambronen, Kimbern und Teutonen jedoch ziehen oderaufwärts, reißen bei Breslau Teile der keltischen Boyer mit sich und eilen dann in getrennten Heerzügen von Westen und Osten nach Italien einbrechend ihrem Untergange zu.
Was auch die Römer bewegen mochte bei ihren späteren Eroberungszügen nach Germanien, kolonisieren wollten sie nicht, vielmehr ausnützen und herrschen. Das musste den Widerstand der freien Germanen auslösen, und da die römische Kultur bereits Verfallserscheinungen zeigte und keine innere Kraft hatte, mussten die Römer den an Zahl weit geringeren Germanen unterliegen. Denn der germanische Heerbann beruhte auf freier Gefolgschaft und kühnem Einsatz. Die Bande des Blutes kettete die Krieger zu einer zähen Geschlossenheit zusammen. Nicht große Heerscharen überwanden das riesige Römerreich – es waren nur einige Tausend entschlossene, urkräftige Krieger, die das Weltreich über den Haufen rannten, geführt von ebenso tapferen, wie klugen Führern ihrer eigenen Wahl!

Germania (Tacitus) © Wikipedia
Damit schließe ich diese völkerpolitische Betrachtung ab und verweise auf das erste zusammenfassende Schriftwerk über die Germanen, die „Germania“ des Tacitus, das trotz der Mängel, die uns im Lichte der neueren Forschung erkennbar werden, ein unschätzbar wichtiger Quellenfund aus grauer Vorzeit ist. „Durch sie ist ein Morgenrot in unsere Frühgeschichte gesetzt, um das uns andere Völker beneiden können“ (J. Grimm).
„Nicht der Kelte, nicht der Römer gibt dem Germanentum der Eisenzeit die entscheidende Präge, sondern der Aufbruch nach dem Osten. Hier kommen die Germanen mit Völkern in Berührung, die ihnen in ihrer geistigen Haltung näherstehen, als die von den Hochkulturen des Südens schon früh angekränkelten Kelten und die sie ausbeutenden Römer.
Vom Osten kommt, die jüngere Bronzezeit einleitend, die Brandbestattung. Die Germanen halten an ihr bis zuletzt ziemlich einheitlich fest und entwickeln aus diesem Brauche eine tiefsinnige Glaubenswelt. Vermittler waren vermutlich die Illyrer, die samt Balten, Slawen, Thrakern, selbst schon einer gewissen Schicht der Italiker, homerischen Griechen und Inder von dieser Welle erfasst wurden, und auch die Kelten vermögen, dem illyrischen und später germanischen Einflusse unterworfen, nicht durchwegs bei ihrer Körperbestattung zu bleiben.
Auf den Osten weist der Werwolfglaube. Herodot berichtet ihn von den Neurern im Norden der Skythen. Doch gehört die eigenartige Vorstellung auch bereits dem frühgriechischen und indischen Altertum. Zu Beginn der Eisenzeit oder bei der durch den Zuzug aus dem Norden erfolgten Umschichtung der germanischen Stämme an der Ostsee wird sie eingedrungen sein und den schon im indogermanischen Altertum vorgebildeten Altersklassen und Jünglingsweihen der Germanen die besondere Wendung ins Leidenschaftliche gegeben haben.

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Und gegen Ende der früheren Eisenzeit kommen im Südosten die Runen auf, mit geheimnisvollem Brauchtum umwoben (im 1. oder 2. Jh. n. Chr.). Von allem Anfange dienen sie nicht eigentlich dem Schreiben, wenn sie auch eine voll ausgebildete Schrift sind, sondern dem geheimen Wissen und der aus ihm hergeleiteten Zaubermacht. Schon der Name Runen, der mit unserem „raunen“ zusammenhängt, deutet darauf.
„Diese Runen sind die jüngste der großen geistigen Errungenschaften des 2. Jahrtausends germanischer Kultur, aber sie schließen es würdig ab und halten sich völlig im Rahmen germanischer Eigenart. Auch lenken sie erneut unsern Blick auf den Osten und auf die Goten.
Die Zeit ist vollendet, germanische Wesen in allem Wesentlichen entfaltet, der Grund für das nächste Jahrtausend ist gelegt. Not, Hunger und Heerfahrten haben diese frühe Eisenzeit durchfurcht und ihr Antlitz mag uns in vielen seiner Züge trotz aller Hoheit wild und schreckhaft scheinen wie der heilige Haarwuchs des Chatten dem Römer. Aber welche Zeit soll diese Zeit verstehen, wenn nicht die unsere mit ihrem ihr so tief verwandten Schicksal! Die Triumphsäulen der römischen Kaiser, des Trajanus, des Marcus, rücken uns vor Augen, was Germanien damals litt und worum es rang. Man vergesse nie, dass Rom das freie Germanien noch ganz anders geknechtet, seinen Aufstieg vielleicht für immer verhindert hätte, wenn nicht Iran (vgl. die indogermanischen Abzüge nach Südost) den andern Teil seiner Macht an sich gebunden hätte. Und jenes Iran hat uns später viel gespendet. Welle auf Welle seiner aus dem Blute der nordischen Rasse geschöpften Werte hat auch die abendländische Kultur erreicht und in germanisch-deutschem Denken ungeahnten Ertrag gebracht. Beide Völker, die damals unabhängig voneinander Rom umklammert haben und zermürbt, leben nur noch in Nachfahren und Nachklängen weiter. Aber während der deutsche, aus germanischem Stamme genährte Ast trotz allem noch reichlich grünt und Europas, ja der nordischen Rasse letzte Hoffnung ist, sehen wir den iranischen durch den Einbruch der Araber, der Mongolen, der Türken fast verdorrt, und auch von den Früchten, die er getragen hat, ist nur spärliche Kunde geblieben. Dennoch ist sie so gewaltig und leuchtend, dass wir auf sie nicht verzichten können, wenn es gilt, eigenes Wesen zu klären und zu wahren. Es liegt im Sinne der Weltgeschichte, dass Germanentum und Iraniertum sich über die Jahrtausende und das feindliche Rom hinweg im nordischen Gedenken eines erstarkten Deutschtums geistig wiederfinden.“ (Schultz).
Das ist die Schau, in der wir unsere Vorfahren zur Zeit ihres Eintritts in die deutsche Volksgeschichte sehen, also in den ersten Jahrhunderten nach der christlichen Zeitenwende. So gehe ich nun nach dieser grundsätzlichen Darlegung wieder über zu der Frage: Wie sah es in dieser Zeit in unserer Ahnenheimat aus?
Wir erkannten schon oben, dass die Germanen der Jungeisenzeit ungefähr um 400 v. Chr. bis zum Finnegebiet südwärts gedrungen sind. Das beweisen uns Einzelfunde bei Beichlingen, Kölleda, Harras (Bonifatiusberg), Heldrungen, Marienroda, Sachsenburg (innerhalb der Umwallung), Steinkreuz bei Sachsenburg. Dazu fand man ein Grab aus der Eisenzeit bei Leubingen am Fuße des sog. Leubinger Hügels des Fürstengrabes aus der Hallstattzeit und eine Ansiedlung zu Griefstedt auf dem Gelände der alten steinzeitlichen Siedlung.
Auf eine größere Ansiedlung bei Auerstedt am Katzenberge deuten die Massenfunde von Urnen und Gefäßresten hin, desgl. in der sog. Lehmgrube nordöstl. von Herrengosserstedt und in der Nähe von Milzingsdorf. Sogenannte Herdgruben wurden bei Herrengosserstedt festgestellt. Wenn diese auch noch aus der Steinzeit herrühren, die Gefäßreste jedenfalls sind Zeugnisse der Eisenzeit. Denselben Maßstab muss man an die Gruben legen, die man an dem von Tromsdorf nach Millingsdorf führenden Fahrwege aufgedeckt und untersucht hat. Die Gruben waren etwa 1½ m breit und verjüngten sich trichterförmig in einer Tiefe von 1¼ m.

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Auf die Bestattungsformen, die allein eine Untersuchung wert wären, will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Dagegen ist es interessant, einen Blick auf die zahlreichen Wallburgen zu werfen, die uns ein wichtiges Zeugnis für eine beachtliche Besiedlung unserer Ahnenheimat zu sein scheinen.
Wahrscheinlich ist die „Tittelsburg“ bei Bachra in dieser jüngeren Eisenzeit entstanden, wohl auch die Umwallung bei Schlossbeichlingen, die Lichtenburg bei Burgholzhausen, die alte Umwallung der Eckartsburg bei Eckartsberga und die Teufelsburg bei Hauterode.
Die Sachsenburg und der Bonifatiusberg bei Harras mögen in der jüngeren Bronzezeit entstanden sein, in der älteren Eisenzeit dagegen die Manraburg und die Wendenburg.
Von diesen Wallburgen, von denen oft nur noch Erderhebungen oder Vertiefungen zu erkennen sind, kann man vielleicht – wenn auch mit Vorsicht (!) – Schlüsse auf die Dichte der Besiedlung ziehen. Eine andere Frage ist die: Welchem Zwecke dienten diese Wallburgen? Diese Verschanzungen, die in Friedenszeiten der Bergung des Viehs und in Kriegszeiten wohl auch der Bergung der gesamten fahrenden Habe gedient haben mögen, waren wahrscheinlich – nach der Lage und Beschaffenheit des Finne- und Schmückehöhenzuges zu urteilen – ursprünglich für militärische Zwecke bestimmt. Sie erinnern fast an ein sorgfältig ausgebautes Befestigungssystem, das vielleicht seinen Ursprung in der Steinzeit hat und nach und nach ausgebaut worden ist.
Hentschel, Wagners-Schlieben und Behlas nehmen sogar an, dass man in den Wallburgen in erster Linie Kultstätten sehen müsse (s. Dr. M. G. Schmidt: „Die Siedlungen an der Hainleite, Schmücke und Finne“, Halle 1900/Z und Dr. Hentschel: „Wallburgen und Tanzberge“, Zeitz 1917). Das ist jedoch sehr unwahrscheinlich.
Damit habe ich eine genaue Darlegung unserer Ahnenheimat gegeben, wie sie beschaffen war, ehe unsere Vorfahren in die deutsche Volksgeschichte eintraten.
Nun gehe ich im Besonderen auf die engste Siedlungsgeschichte unserer Heimat ein und will versuchen, eine Grundlage zu schaffen für die Entstehung unseres Familiennamens; bisher ich der Entstehungsgeschichte des Gerätnamens nach, die ja Voraussetzung für die Entstehung des Familiennamen ist. Und letztere ist wiederum Voraussetzung für die Entstehung des Geschlechts Axthelm.
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Die Besiedlung unserer Ahnenheimat bis zum Untergang des Thüringer Reichs 531
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„Das Sinnen und Denken unserer Ahnen, entfaltet in unserer Geschichte und uns dargelegt in ihrem geistigen Gestalten, ist für den, der es ernst nimmt, ein Sternenhimmel auf seiner Seele Grund, nach dessen geheimnisvoller Lichtbotschaft er das sturmumtoste Schifflein der Gegenwart mit festem Vertrauen in eine gottverhängte Zukunft lenken wird.“ (Schultz)
Der römische Schriftsteller Tacitus beginnt in seiner „Germania“ (98 n. Chr. geschrieben):
„Germanien in seiner Gesamtheit wird von den Galliern, Rhaetern und Pannoniern durch die Flüsse Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch gegenseitige Furcht und durch Gebirge geschieden. Das übrige Germanien umgibt der Ozean, der umfangreiche Landzungen und ungemessen große Inselgebiete umspannt.“
„Die Germanen selber möchte ich für Ureinwohner halten und keineswegs für Mischlinge infolge von Zuwanderung und gastlicher Aufnahme fremder Stämme.“
„Die Bezeichnung Germanien selbst sei übrigens neu und erst vor kurzem aufgekommen. Die nämlich, welche zuerst den Rhein überschritten und die Gallier ertrieben hatten, die jetzt Tungrer heißen, seien damals Germanen genannt worden; so sei der Name eines einzelnen Stammes, nicht ein Volksname, allmählich zur Geltung gekommen. Es wäre also die Gesamtbezeichnung Germanen zuerst von Siegern ausgegangen, weil er Furcht erregte. Nachdem aber der Name einmal gefunden war, hätte ihn dann die Gesamtheit des Volkes für sich selbst gebraucht.“
Diese Darstellung aus der Anfangszeit unserer Volksgeschichte mag uns zunächst genügen. Denn die Geschichte Gesamtgermaniens, d. h. der einzelnen Stämme, kann man leicht in Geschichtsbüchern nachlesen. Uns interessieren nunmehr nur noch die Besiedelungsvorgänge in unserer engeren Ahnenheimat.
Zum Verständnis des Gesamtzusammenhangs zitiere ich noch einmal Schultz:
„Das dritte und letzte Jahrtausend germanischer Kultur war von Grund auf zwiespältig. Das alte, noch unbedingt Germanische, Geschehen klang in den großen Schöpfungen der Völkerwanderung und Wikingerzeit aus, und ein neues, nur mehr bedingt germanisches, schon umgestaltetes und nicht mehr einheitliches Werden, das Deutschtum, wächst in das Herz Europas hinein und sichert sich den Osten durch dessen Kolonisierung und durch die Abwehr der Mongolenstürme. Diese von unheilvollen Rissen durchsetzte und doch zukunftschwangere Kehrseite des Jahrtausends ist zwar noch germanisch nach der Rasse, nach der Sprache des Volkes und nach einem wesentlichen, aber allerdings immer mehr verklingenden Teile der Volksüberlieferung der Bräuche, Sagen, Lieder; aber die Schrift der Gebildeten entfremdet sich diesem Grunde, obgleich das Beste ihrer Kraft aus ihm gezogen ist, und verliert sich bis zur Seabgtes Entäußerung an fremde Vorbilder.“
„Das neue und letzte Jahrtausend ist nicht mehr einheitlich. Nach 400 Jahren der Völkerwanderung, mit der es einsetzt, tritt alsbald Stillstand ein. Aber der Norden, von der Kufe der großen Begebenheiten erst jetzt durchhüllt und von ihren Rückschlägen noch nicht geschädigt wie das Mutterland, holt um 800 aus ungeahnter Kraft zu einem großen Nachspiele aus, das wieder 400 Jahre währt. Man nennt es die Wikingerzeit. Auch „jüngere Goldzeit“ und „Silberzeit“ waren bezeichnende Namen für die beiden Gipfel einer kreisenden Welt; denn in der Völkerwanderung beherrscht das erbeutete Gold Sinnen und Denken der Germanen und ihre Heldendichtung, während der Wikingerzeit das Silber in den Funden überwiegt.“
Was ging nun in den ersten Jahrhunderten in unserer Ahnenheimat vor?
Dass sie schon Jahrhunderte vor Christi Geburt von Germanen besiedelt und von den Kelten befreit war, hatte ich ausgeführt. Wenn ich aber sagen sollte, welche Völkerschaft sie zuerst besiedelt hat, dann kann ich nur ganz allgemein feststellen, dass die ersten germanischen Siedler im Finnegebiet zu der suebisch-hermonischen Gruppe zu rechnen sind, die im letzten Jahrhundert vor der christlichen Zeitenwende Elbe und Saale besetzte, die Kelten nach Westen abdrängte und ganz Mitteldeutschland in ihren Besitz nahm.
Die Nachkommen dieser älteren Sueben waren die Hermunduren, die sich aus kleineren Verbänden zu einer großen Volksgemeinschaft zusammengeschlossen hatten und bereits im letzten Jahrhundert vor Christus das heutige Thüringen bevölkerten. Tacitus sagt hierzu:
„Die Sueben bildeten ein einheitliches Volk wie die Chatten oder Tenkterer. Über die Hälfte Germaniens haben sie inne und sind in eigene Stämme geschieden, die ihre besonderen Namen haben, wenn sie auch alle unter der Bezeichnung Sueben zusammengefasst werden.
Eine Eigenart des Volkes ist es, das Haar nach der Seite zurückzukämmen und in einen Knoten zu schlingen. So unterscheiden die Sueben von den übrigen Germanen, so die freigeborenen Sueben von den Sklaven.“
„Als die ältesten und angesehensten unter den Sueben bezeichnen sich die Semmonen. […] Die Größe des Volkskörpers bewirkt, dass sie sich als das Haupt der Sueben vorkommen.“
„Die Langobarden dagegen macht ihre geringe Zahl berühmt. Von vielen starken Völkern umgeben, sind sie gesichert nicht durch Gefügigkeit, sondern durch Kämpfe und Wagemut.“
Zu den Sueben gehörten auch die Naristen, Quaden und Markomannen. Letztere zeichneten sich durch besonderen Ruhm vor den beiden anderen aus. Ferner die Ostsueben: Marsigner, Buren, Lugier, Naharnadalen und Harier.
Zu den Nord-Ostsueben rechnete Tacitus die Gotonen, Rugier, Semorier, Swichen, Astier, Sitonen und erwähnt als Grenzvölker im Osten die Paukiner, Veneter, Fennen und „sagenhafte Völker.“
Den uns wichtigsten Völkerstamm, der ein Bruderstamm der Semnonen war, die Hermunduren, erwähnt Tacitus mit besonderem Lob. Er schreibt:
„Dieser Teil der Sueben zieht sich hin bis in die unbekannten Gegenden Germaniens. Jetzt wollen wir der Donau folgen … Da liegt näher bei uns der Staat der Hermunduren, der den Römern treu ist. Deshalb haben sie allein unter den Germanen mit uns Handelsverkehr nicht nur am Ufer, sondern tief bis ins Innere und besonders in der so glänzenden Kolonie der Provinz Rätien. Überall und ohne Aufsicht kommen sie über die Grenze. Während wir den übrigen Völkern nur unsere Waffen und Lager weisen, haben wir diesen unsere Häuser und Ländereien geöffnet, ohne dass sie Verlangen danach zeigten. Im Gebiet der Hermunduren entspringt die Elbe (Albis), einst ein berühmter und bekannter Fluss, jetzt hört man nur noch von ihm.“
Soviel über die Hermunduren von Tacitus, ihrem römischen Zeitgenossen. Diese Hermunduren sind die ersten namhaften Siedler in unserer Ahnenheimat, deren Blut noch heute in unseren Adern pulst. Sie bildeten damals die größte Volksgemeinschaft unter den germanischen Völkern. Darauf weist schon der Name hin, denn der Zusatz „Hermun“, verwandt mit „Irmin“, erinnert an das Große, Göttliche, sodass der Name als „Groß- oder Gesamtduren“ zu verstehen ist.
Weiterhin ergibt der Name, dass sich dieser große Volksverband nach einem Stamme nannte, der unter den Stammesgliedern in besonders hohem Ansehen stand und sich durch besondere Macht auszeichnete. Man kann diesen Stamm vielleicht „Turen“ oder „Duren“ nennen; vielleicht ist sein Ursprung in dem „Thyrä-Flüsschen“ und in dem Ort Thürungen noch zu erkennen.
Die Wohnheimat dieser Hermunduren reichte um die christliche Zeitwende im Westen bis zum Eichsfeld und bis zur Werra, im Süden bis zum Thüringer Wald (später bis zur Donau), im Norden bis zum Harz, im Osten bis zur Elbe einschließlich der Elbquelle. Die Elbe bildete die Grenze zwischen diesem Volk und den stammverwandten Semnonen des Ostens.
Mit den westlich im Gebiet des Taunus und des oberen Weserlaufes wohnenden Chatten kämpften die Hermunduren um die Mitte des Jahrhunderts um die Salzunger Salzquellen und besiegten unter ihrem König Weibel den Nachfolger des Markomannenkönigs Marbod, Catualda. Dagegen unterhielten sie, wie Tacitus berichtet, mit den Römern freundschaftliche Handelsbeziehungen, die aber nicht zu einer direkten Beeinflussung ihrer Kultur führten. Zahlreiche Funde römischer Münzen legen Zeugnis ab von diesem Handelsverkehr. Allein im Finne- und Schmückegebiet wurden 4 goldene, 11 silberne, 2 bronzene und 3 kupferne Münzen gefunden, und zwar in Rettgenstedt, Beichlingen, Monraburg, Gorsleben, Harras, Heldrungen und Leubingen. Auch im Sömmerdaer und Lissdorfer Flur wurden Münzfunde gemacht.

Münzfund Schmückegebiet
Diese Funde sind ein Beweis dafür, wie rege damals der Handelsverkehr von Süd nach Nord und umgekehrt sich über die Finne bewegte.
Gräberfunde sind selten, weil die Hermunduren die Leichenverbrennung in Brauch hatten und die Brandknochen nur in Urnen beisetzten. Dagegen treten vom 3. Jahrhundert ab wieder Skelettgräber auf, auch mit kostbaren Schmuckgegenständen, die von einer Hinwendung zu luxuriöserer Lebensführung unter den Hermunduren durch den römischen Einfluss zeugen. Im Finnegebiet wurden solche Gräber allerdings nur auf der Schmücke (mit handtellergroßer Schelle auf der Brust des Skeletts) und bei Leubingen am kleinen Wasserberge gemacht.
Ist der Völkername „Hermunduren“ heute noch in irgendeiner Form erhalten?
Nein. Er verschwindet bereits mit dem Ende des 2. Jahrhunderts aus den Quellen. Worin ist der Grund zu suchen? Es ist wahrscheinlich, dass sich dieser Völkerverband aus uns nicht erklärlichen Gründen aufgelöst hat (wenn er nicht vernichtet worden ist). Vielleicht sprengten die von Nord nach Süd drängenden Langobarden oder die von Ost heranrückenden Semnonen die Einher dieser Völkerschaft, vielleicht auch die große allgemeine Wanderung der Sueben von Nord nach Süd. Es ist anzunehmen, dass Teile der Hermunduren sich den südwärts ziehenden Völkergruppen anschlossen, um sich dann mit den Markomannen und den von Nordost kommenden Burgundern zu vermischen, während der größere Teil der Hermunduren in den alten Sitzen bleibt, dort aber nach und nach neues Blut durch die durchziehenden Stämme aufnimmt (s. Schultze, Gesch. d. Saalkreises). Auch die Langobarden mögen auf ihrem Zug nach Süden Teile ihres Volkes an die alten Hermunduren abgegeben haben, ebenso die von Norden kommenden Angeln und Warnen, die im 3. Jh. einwanderten und seitdem als Alemannen auftreten.
Diese letztgenannten Völkerschaften verschmelzen sich mit den alteingesessenen Hermunduren samt den Resten der durchgezogenen Stämme und treten zu Beginn des 5. Jh. als mächtiges Thüringervolk in der deutschen Geschichte in Erscheinung. Als Karl der Große 802 das alte Recht der Thüringer aufzeichnen ließ, gab er diesem Werk den Titel „lex Anglionum et Werinonum, id est Thuringorum“, woraus die ehemalige Verschmelzung noch hervorgeht. Man darf nun nicht denken, dass diese Völker im Thüringervolk wie eine Schafherde wahllos ihren Standort nahmen, vielmehr bewahrte jeder Stamm zunächst noch seine Eigenart und siedelte geschlossen. So lagen die eigentlichen Wohnsitze der Angeln im späteren Nordthüringen, dort wo Elbe und Saale zusammenfließen. Ihr Gebiet bildete zwischen Elbe und der sächsisch-nördlichen Grenze einen Winkel (ahd. „angul“), und danach wurden sie „Angeln“ genannt. Sie hatten also mit den Angeln, die oben in Schleswig ansässig waren, nur den Namen gemein, weil die nördlichen Angeln eben auch einen „Winkel“ bevölkerten. Blutverwandt hingegen waren die thüringischen Angeln mit den altansässigen Semnonen, die in dem Gebiet der heutigen Mark Brandenburg saßen.
Kurz nach dem Zug der Angeln rückten die Warnen von der Ostseeküste her und die Heruler von Jütland und den dänischen Inseln in das Gebiet der Semnonen ein, die nach Süden abgewandert waren. Die Heruler wurden dort ansässig, und die Warnen siedelten sich in dem mitteldeutschen Gebiet zwischen Thüringerwald – Harz – Elbe an und z. T. in dem heutigen Mecklenburg.
Diese Einwanderung der Angeln und Warnen hat eine Fülle von Fragen aufkommen lassen, die sich alle mit der Zeit der Einwanderung und mit der Einverleibung dieser Völker in das Thüringerreich beschäftigten.
In der Zeitschrift f. Thür. Gesch./1906 hat z. B. Hofer in einem Aufsatz „Die sächs. Legende“ die Grenzen der Angeln und Warnen genauer zu bestimmen gesucht. Danach hatten sich um 500 n. Chr. die Warnen von dem linken Ufer der Elbe und Saale bis etwa nach Halberstadt ausgedehnt, die Angeln dagegen müssen westlich von ihnen bis in die Gegend von Braunschweig und Helmstedt gewohnt haben.
Vorausgesetzt ist dabei freilich, dass Hofer die Einwanderung der Angeln und Warnen so ansetzt, dass die Haupteinwanderung erst nach dem Sturz des Thüringerreiches erfolgte mit der Begründung, dass das Thüringervolk zur Zeit seiner Blüte sich gegen eine massenhafte Einwanderung gewehrt haben würde.
Aus zwei uns noch erhaltenen Briefen des Königs der Ostgoten (in der Zeit von 506–523) an den König der Warnen schließt er weiter, dass das Reich der Warnen noch bis um 500 neben dem Thüringerreich selbständig bestanden haben muss.
Zu diesem letzten Einwand kann man entgegenhalten, dass möglicherweise die Thüringer in der Zeit von 526–531 die bisher selbständig gebliebenen Warnen sich unterworfen haben. Es mögen auch danach noch Warnen nach Thüringen zugewandert sein. Dagegen verliert der erste Einwand an Kraft, wenn man bedenkt, dass die Angeln und Warnen tatsächlich erst zur Blüte des Thüringerreiches beigetragen haben.
Jedenfalls beweisen die Spuren, die die genannten Volksstämme hinterlassen haben, die Zugehörigkeit der Angeln und Warnen zum Herrschaftsgebiet der alten Thüringer. Der Engilingau, zu dem der nordöstliche Teil des Kreises Eckartsberga gehörte, erinnert zweifellos an Angeln-Siedlung, desgleichen die Orte Kirchengel, Westernengel, Feldengel, Holzengel.
Sowohl der Weringau um Würzburg als auch der Gau Werinofeld westlich der Saale bei Bernburg führen auf Namensgebung durch die Warnen zurück.
Das ist die Vorgeschichte des alten mächtigen Thüringerreiches, das seine Machthöhe um die Wende des 6. Jh., also um 500, erreicht. Von Burgscheidungen aus, der herrlich gelegenen Thüringerburg an der Unstrut, regelte Irminfried den östlichen Teil Thüringens.
Das mächtige Reich der Thüringer war unter König Bisino um 508 die stärkste Macht Germaniens geworden. Nach seinem Tode ging dieses Reich in 3 Teile, die von seinen Söhnen Baderich, Berthar und Irminfried übernommen wurden. König Irminfried, der den östlichen Teil von Weimar aus regierte, verlegte seine Residenz nach Burgscheidungen; dort sollte sich dann auch das Schicksal Thüringens entscheiden.

Amalaberga und die halbgedeckte Tafel – eine fränkische Erfindung
Die Gemahlin dieses ersten namhaften Fürsten in unserer Ahnenheimat war Amalaberga, eine Nichte des gewaltigen Ostgotenkönigs Theoderich d. Gr. (489–526) (= Dietrich von Bern), der von Ravenna aus das italienische Ostgotenreich und damit die politische Vormacht des Abendlandes begründete (herrlichste Machtentfaltung und Kulturepoche des Germanentums).
Amalaberga war Christin. Wenn es ihr freigestanden hat, am Königssitz der nichtchristlichen Thüringer ihres Glaubens zu leben (sie gehörte dem arianischen Christenglauben an, zu dem sich die gotischen Völker bekannten), dann ist mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass in ihrer Umgebung, besonders unter den Frauen, christliche Gedanken Eingang fanden.
Dieses mächtige Thüringerreich wurde nach kurzer Blüte 531 von den Franken unterworfen. (Schwächung durch die Dreiteilung, dazu überlegene Kriegskunst der Gegner). 3 Jahre später wird Irminfried meuchlings ermordet (s. die Nibelungenkämpfe!) und Amalaberga flieht mit ihren Kindern zu ihrem Bruder nach Ravenna.
Mit dem Untergang des Thüringerreiches fand die erste germanisch-deutsche Siedlungsgeschichte und damit der erste Abschnitt unserer Heimatgeschichte ihr Ende und ein neues Zeitalter germanischen Kulturschaffens innerhalb der deutschen Volksgeschichte beginnt.
Wo immer Sieger und Besiegte zusammenleben, da drückt der Sieger dem Besiegten seinen Stempel auf. So auch hier. Bald nach ihrem Siege entfalteten die Franken im Thüringerland eine rege Kolonisierungstätigkeit. Wie später unter dem Sachsenvolk so mussten sie auch hier allerorten starke Garnisonen legen, um sich unter den unterworfenen Thüringern durchsetzen zu können. Diese militärischen Stützpunkte erforderten aber auch die Anlegung von Gütern und Wirtschaftsgebäuden, die zum Unterhalt der Besatzung dienen mussten. Zuerst waren es strategische Gesichtspunkte, die diese Franken bewegten, dann traten wirkliche Kolonisationsbestrebungen in den Vordergrund und schließlich erfolgte aus rein politischen Erwägungen unter Karl d. Gr. die Christianisierung und Kultivierung des mitteldeutschen Raumes.
Zunächst war das Bestreben der Franken jedenfalls auf Befestigung des eroberten Gebiets gerichtet, und es ist anzunehmen, dass der Gründung der Güter auch eine Belehnung verdienter Heerführer zur Seite ging und zwar auf Kosten des unterworfenen Volkes. Damit ist der Anfang zu einem völlig neuen Abschnitt der Siedlungsgeschichte gemacht. Es dauerte auch nicht lange, da führten die Franken aus dem Westen Kolonen (Siedler) nach Thüringen und gerade in das Finne- und Schmückengebiet, wie aus zahlreichen Funden und auch aus den Orts- und Flurnamen und der Anlage der Ortschaften zu ersehen ist.
Während zwei Jahrhunderte später das Sachsengebiet mit blutiger Härte von den Franken erschlossen wurde, vollzieht sich im Thüringerland eine friedliche Siedlungstätigkeit, die weite Strecken unbebauten Landes dem Ackerbau erschließt. Nur einmal droht dieser friedlichen Kulturarbeit fast die Vernichtung: der Einbruch der Slaven im 7. Jh. von Osten her. Sieger und Besiegte, Freunde und Feinde griffen in Erkenntnis dieser unübersehbaren Gefahr zu den Waffen und kämpften gemeinsam für das deutsche Schicksal, wie 451 auf den Katalaunischen Feldern Römer und Germanen gemeinsam gegen Attila, die „Geißel der Völker“, und Hunnenheere kämpften. Aber trotz aller Gegenwehr war der plötzliche Ansturm der Slawen zu stark. Die vereinigten Germanen versuchten, die Saale als Grenze zu halten; dennoch gelang es den Slawen und zwar dem Stamme der Sorben, auch westlich der Saale festen Fuß zu fassen. Diese Tatsache ist von größter Wichtigkeit für die volkheitliche Beschaffenheit unserer Ahnenheimat. Darüber soll unten noch berichtet werden.
In dieser Anfangszeit der fränkischen Siedlungsarbeit im Thüringerland müssen die Entstehungsgründe der deutschen Eigennamen zu suchen sein; eine frühe Art der Eigennamen, wenn man nicht sagen will Familiennamen, reicht bis in die Zeit der Völkerwanderung zurück. Im 9. Jh. entstehen die ersten Berufsnamen und um die Wende des 10./11. Jh., also in einer Zeit als Heinrich I. durch seine weitblickende Politik und sein siegreiches Vorgehen gegen die Ungarneinfälle, eine rege deutsche Handels- und Gewerbepolitik begründet hatte, wird es Sitte, den Männernamen den Beruf ihres Trägers beizugeben (also in der Zeit der fränkischen Kaiser). Um die Mitte des 13. Jh. treten dann bereits wirklich feste Familiennamen in Erscheinung.
- Der Glaube unserer Vorfahren und ihre Bekehrung zum Christentum
„Das deutsche Volk ist seit seinen ersten geschichtlichen Anfängen christlich; ja seine Entstehung selbst ist mit der christlichen Kirche aufs engste verbunden.“ (Baetke)
„Die Bildung der großen germanischen Reiche als machtpolitischer Erscheinungen wäre nie denkbar gewesen ohne die geistige Grundlage des Christentums als religiös-moralische Anschauung und Plattform.“ (Adolf Hitler)
Als Motto über das Tor, durch das die Germanen aus der heidnischen Zeit in das christliche Mittelalter hinüberschritten, könnte man eine merkwürdige Strophe setzen, in der ein christlicher Skalde Christus (Krist) an Stelle der Nornen den Platz am Brunnen der Urd einnehmen lässt:
„Krist sitzt im Süden am Brunnen der Urd, der mächtige Bezwinger der Asen des Felsens.“
Gewiss nur das Wort eines Einzelnen. Aber daraus spricht die Aufnahmebereitschaft der Germanenwelt für die christliche Botschaft. Und das ist wichtig! Denn entgegen so vielen fälschlichen Behauptungen, unseren germanischen Vorfahren sei der Christenglaube gewaltsam aufgezwungen worden, muss immer wieder mit aller Entschiedenheit betont werden, dass der weitaus größte Teil der germanischen Völker und gerade die geschichtsmächtigsten Stämme freiwillig den christlichen Glauben angenommen hat. Wer hätte die urkräftigen West- und Ostgoten, die im unaufhaltsamen Ansturm das morsche Römerreich über den Haufen rannten, zwingen können, einen Glauben anzunehmen, den sie nicht haben wollten? Sie, die die Herren und Bezwinger der halben Mittelmeerwelt waren (s. Theoderich d. Gr.), hätten sich gegen ihre Überzeugung einer fremden Religion gebeugt? Diese Behauptung ist ebenso unsinnig wie beleidigend für unsere Ahnen!
Gewiss sind hier und da gewaltsame Bekehrungsversuche gemacht worden, vornehmlich im Norden, aber erst in späterer Zeit unter der Herrschaft der Franken und auch dann fast durchweg aus politischen Motiven. Vordem jedoch war den Germanen bereits über ein Jahrhundert lang vereinzelt die christliche Botschaft zu Ohren gedrungen. Könige und Fürsten waren in der Regel die ersten, die den neuen Glauben annahmen. Wenn sie dann mit Härte bei ihren Gefolgschaften die christliche Religion einführten, dann ist das nicht dem Christentum in die Schuhe zu schieben. Man vergesse auch nicht, dass ohne jeden Schutz bewaffneter oder rechtlicher Art zahlreiche Prediger und Mönche unerschrocken in die unwegsamen Wälder Germaniens zogen, um die Botschaft vom Erlöser der Menschheit auch dorthin zu bringen.
Warum nahmen unsere germanischen Vorfahren den christlichen Glauben an?
Haben sie ihren alten Germanenglauben verraten? Nein! Aus freier Herzensüberzeugung machten sich die meisten den Christenglauben zu eigen in der Erkenntnis seiner Überlegenheit über ihren alten Glauben.
Zunächst eine kurze Übersicht über die Entwicklung der religiösen Vorstellungen bei den Germanen: Den „Germanenglauben“ kann man – so bedenklich solche Festlegungen auch sind! – bis zu dem Eintritt des Christentums in die deutsche Volksgeschichte in 3 große Religionsepochen einteilen.
- Urfrömmigkeit (Naturglauben)
Wie überall bei den Naturvölkern, so fußte auch das religiöse Gefühl der Germanen auf dem „Machtglauben“, d. h. der Mensch glaubt sich von einem „Mana“ abhängig, glaubt an die Macht der ihn umgebenden Welt. Die Natur hatte „Macht“, die Volksversammlung hatte „Macht“, der Heerführer hatte „Macht“, wie ja auch heute noch der Arzt „Macht“ hat, ja selbst die politischen Führer: Mussolini, Adolf Hitler usw.
Dieser Machtglaube, der den Menschen von guten und bösen Mächten umgeben sieht, ist ein „Zauberglaube“. Denn Zauber ist Macht (z. B. auch der „böse Blick“, Weissagen, später Runen).
Dem Zauberglauben entspricht der „Totenglaube“: die Macht der Toten auf die Überlebenden spielte eine große Rolle unter den Germanen. Der Wechsel der Bestattungsarten hat Beziehungen zu den Anschauungen über das Verhältnis des Toten zum Leben. Zuerst die Erdbestattung mit ihren Beigaben und Speisen, Kleidung, Waffen usw. Später breitete sich eine besonders eindrucksvolle Bestattungssitte etwa 3000 v. Chr. aus, von Spanien nach Nordwesten an den Meeresküsten hin bis nach Skandinavien und bis zur Oder und nach Osten hin längs der Küsten des Mittelmeers bis in die Ostländer.
Das sind die „Hünengräber“, „Dolmen“ und „Großsteingräber“. Wahrscheinlich ist dieser Brauch von der sogenannten Cro-Magnon-Rasse ausgegangen, deren Nachkommen als lälische oder dalische Rasse bis heute in Niedersachsen und Südschweden nachweisbar sind. Diese Menschen bauten für ihre Toten Steinhäuser mit einem Steingang, in denen man auch Feuer anzündete (wozu? Opfer? oder Wärme?), Steinschalen mit flüssiger Speise aufstellte, und in der Deckplatte ein „Seelenloch“ ließ, um dem Toten Freiheit zu geben, das Grab zu verlassen. Doch gab ihm eine Steinsetzung rings um das Grab die Grenze an, die er nicht überschreiten durfte.
Diese Grabanlage ist insofern für die Gegenwart wichtig, als sie in den unterirdischen Gruftkirchen der romanischen Kirchen, in der Bestattung der Toten angesehener Familien in den Kirchen, gewöhnlicher Totenrings um die Kirche herum, in den Adels- und Fürstengrüften (s. auch Tannenberg-Denkmal) unserer Zeit ihre Fortsetzung gefunden haben.
Etwa um 2000 v. Xto tritt dann die Leichenverbrennung unter den Germanen auf. Zuerst in Südrussland, dann unter allen indogermanischen Völkern. Auch beim Leichenbrand wirken Furcht vor und Liebe zu dem Toten zusammen. Doch wurde bereits vor der Christianisierung die Erdbestattung unter den Germanen wieder üblich, nachdem zuerst die Goten die Feuerbestattung ausgemerzt hatten, während den Sachsen, die nach Art der fälischen Rasse zäh am Alten festhielten, Karl d. Gr. 784 erst den Leichenbrand verbieten musste. Dagegen wurden Fürsten und viele Adelsangehörige noch lange vom Volke der Germanen verbrannt. Ja, die seefahrenden Nordgermanen, Wikinger etc., hatten noch lange nach der Christianisierung den brennenden Wunsch, ihre toten Könige und Fürsten auf Schiffen in See fahren zu lassen.
Diese Beispiele sollten uns gegenwärtigen Menschen ins Gewissen rufen: Mehr Ehrfurcht vor den Toten! Mehr Sorgfalt und Pietät in der Grabpflege!
Die stärkste Macht empfand der Germane in der Natur, in der er mit seinem starken, verinnerlichten Gefühl seinem angeborenen Ehrfurcht vor allem Großen göttliches Leben spürte. Das Geheimnis der Quelle, das Rauschen des Waldes, Sonne, Mond und Sternenhimmel samt aller Naturgewalten zeugten ihm von der Heiligkeit der unbekannten Mächte. Vornehmlich den Bergen und Hügeln widmete der Germane tiefstes religiöses Fühlen (s. später die Nibelungensagen!). Und aus diesen Bergen rieseln die Quellen aus geheimnisvoller Tiefe, die belebtes Wasser spendet. Alles das erfüllte den aufgeschlossenen Natursinn der Germanen mit geheimem Schauder. Noch heute erinnern „Heiligenbronnen“ und Heiligenberge an diese religiösen Vorstellungen (s. auch Heilbronn und die Quellen bei sog. Kilianskirchen; in Essen-Werden fließt mitten in den Grundmauern einer verfallenen Kirche eine Quelle. Das Weihwasser im Dome zu Regensburg wird einem Ziehbrunnen innerhalb der Kirche entnommen und in der Pirmont’er Heilquelle fand man 1200 Gegenstände, darunter 400 Gewandspangen und 600 Ringe, offenbar Weihgeschenke. Auch das Schöpfen von Osterwasser und das Märchen vom Storch, der die Kinder aus dem Teiche bringt, sind Reste aus der altreligiösen Vorstellungswelt).
Das Feuer atmete für den Germanen magische Kraft, die Sonne verehrte er als etwas Göttliches, ebenso Mond und Sterne.
Der Sonnenglaube herrschte bei allen germanischen Völkern, besonders ausgeprägt bei den ackerbauenden Cro-Magnonleuten im Westen des Ostseegebiets. Und gerade diese Völkerstämme lieferten später den wichtigsten Blutbeitrag bei der einheimischen Bevölkerung unserer Ahnenheimat. Sonnenfeiern, Sonnenumzüge, Sonnentempel und plastische Darstellungen der Sonne sind die Beweise der Sonnenverehrung unter den Germanen. Hervorragende Bedeutung hatten vor allem die heiligen, zauberischen Sinnbilder der Sonne. Seit dem Ende der jüngeren Steinzeit sind Rechteck und Hakenkreuz nachweisbar. Das ältere Rechtkreuz ist offenbar dadurch entstanden, dass man die vier Himmels- oder Sonnengegenden durch gerade Striche verband. Später wurden dann die nur wichtigsten Punkte des Auf- und Niederganges der Sonne im Laufe des Jahres verbunden. So entstand das Malkreuz. Legte man um diese Zeichen den Kreis des Sonnenbildes oder Gesichtskreises herum, dann entstand das Radkreuz. Es war schon da, ehe das zuerst scheibenförmige Wagenrad Speichen hatte. Jetzt erst fasst man das Radkreuz als Rad des Sonnenregens auf.
Einen anderen Ursprung hat das Hakenkreuz, das auch dreischenkelig vorkommt und deshalb nichts mit den Himmelsgegenden zu tun hat. Es taucht erstmals am Ende der jüngeren Steinzeit in Siebenbürgen an der unteren Donau auf und ist später bei den Germanen der Völkerwanderungszeit sehr beliebt, denn die Waffen wurden damit eingesegnet. Seit ungefähr 1500 nach Chr. geriet es bei den oberen Schichten des Volkes langsam in Vergessenheit. Erst 1891 entdeckte es Ernst Krause (Carus Sterne) wieder und seitdem ist es zum Sinnbild deutscher völkischer Verbände geworden.
Um den Ursprung des Hakenkreuzes lagert tiefstes Geheimnis und es vermag niemand die ursprüngliche Bedeutung zu enträtseln. Vielerlei Deutungen sind gegeben worden: Abbild des Storchenfluges, Kindlein im Mutterleib, Sinnbild der Erfindung des Feuerbohrers, doppelte Mondspirale, ein Rechtkreuz mit angesetzten kleinen Sonnenbildchen.
Jedenfalls ist es von alters her immer ein Fruchtbarkeits- und Heilszeichen gewesen und hatte zuerst die gekrümmte Form; später erst, als die kantige Holzbearbeitung aufkam, setzte sich die heute noch gebräuchliche eckige Form durch.
Über Hakenkreuz und Sonnenmythus ausführliche Betrachtungen anzustellen ist hier nicht der Ort; uns interessiert lediglich die religiöse Vorstellung im Rahmen der Naturfrömmigkeit.
Dass der Wald– und Baumglaube (z. B. die Esche „Yggdrasil“) vornehmlich in der Dichtung seinen religiösen Niederschlag erhielt, ist aus unseren Heldensagen jedem bekannt, und neuerdings dringt auch durch die Lektüre der Edda mehr und mehr die Kenntnis davon ins Volk. Pfingstmaien, Maibaum, Questenbaum, Wünschelrute geben auch noch Zeugnis vom altgermanischen Brauchtum. Ich erinnere auch an Böcklins „Schweigen im Walde“!
Neben dem Tierglauben sei schließlich als letzte Form der Urfrömmigkeit der Geisterglaube genannt. Wer kennte nicht heute noch auf dem Lande den Aberglauben von umgehenden Geistern. Auf den Kirchhöfen spuken die Gespenster und Totengeister, auf den Dächern und Scheunen, in den Ställen und Kellern, überall sieht der naturverbundene Landmann geheimnisvolle Dinge (die Frauen vor allem). Seelischen Ursprungs sind die Druckgeister: der Alp, die Trut, die Nachtnarr. Im deutschen Mythus leben die Walküren, die Schwanenjungfrauen, die Donauweibchen und als stärkste Geisterfeen die Nornen, die Schicksalsfrauen der nordischen Lieder.
In den Hexen tritt uns ein Übergang von lebenden unheimlichen Menschen zu selbständigen bösen Geistern entgegen, wenn man auch bedenken muss, dass der Hexenglaube seinem Ursprung nach sehr wenig mit dem deutschen Glaubensleben zu tun hat. Deutschen Ursprungs sind die Wettermacherinnen, Wolkenreiterinnen und Zauberinnen (s. „Peer Gynt“ von Ibsen oder die „Versunkene Glocke“ von Hauptmann und vor allem „Hänsel und Gretel“, das deutscheste aller Märchen!). Dann die vielen Getreide-, Berg-, Wald- und Hausgeister (die Kornmuhme, die Zwerge, die Elfen, die Kobolde). Der Germane steht diesen Geistern nicht untätig gegenüber. Die guten gewinnt er für sich, die bösen sucht er zu bekämpfen.
Von diesem urwüchsigen Glauben des germanischen Volkslebens in den ersten 3 Jahrtausenden atmet uns heute noch eine lebendige Welt voll himmlischen Lebens entgegen. Wir erfahren also:
die Germanen „waren weder Pantheisten noch Allgottgläubige noch Seelengottgläubige. Zu beiden Glaubensformen waren sie zu schlicht und zu natürlich. Sie waren ein nüchternes, kräftiges Bauernvolk, das die Natur und das kirchliche Leben stark und innig erfasste und warm und fromm durchfühlte“ (Tögel).
- Götterglaube und Kult
„Im Fetisch auch, wie ihn geschnitzt der Wilde, erkennt’ ich dunkle Gier nach Gottes ewigem Bilde.“ (Hans Thoma).
Ich gebe hier wegen des umfassenden Stoffes den Götterglauben nur in kurzen Umrissen wieder. Es ist sehr zweifelhaft, ob Odin oder Thor der höchste Gott der Germanen gewesen ist. Von Tacitus wissen wir, dass sich je ein Kultverband aus mehreren Stämmen zusammengeschlossen hatte, die dieselbe Gottheit verehrten. In der Gottheit verehrte man den Stammvater und fühlte sich so als eine große, durch Blutsverwandtschaft verbundene Gemeinde. Wahrscheinlich waren die drei Hauptgottheiten der Germanen identisch mit folgenden Stammesgöttern:
- Frey oder Ing, altisländisch Ingvi bzw. Ingvi-Freyr war der Gott der Ingwäonen (also der Niederdeutschen).
- Tiu (Ziu) oder Irmin, der niederdeutsche Saxnot, war der Gott der Irvinonen oder Hermionen (also der Mitteldeutschen, s. Hermunduren und den Namen Irminfrid, der letzte König der Thüringer, der auf Burgscheidungen mit Amalaberga residierte)
- Und schließlich Wodan der Gott der Isväonen (also der Westdeutschen).
Wie immer die Dinge liegen mögen, so wissen wir, dass die Sachsen, die unter Karl dem Großen zur Taufe gingen, drei Göttern abschwören mussten: Wodan, Donar und Saxnot. Wenn auch neuerdings verschiedentlich gern die Vielheit der germanischen Götter bestritten wird, so ist sie doch von allen Gewährsmännern der Wikinger- und der frühchristlichen Zeit ebenso selbstverständlich bezeugt wie von Tacitus. Es steht in diesem Sinne mit der germanischen Religion genau nicht anders als mit der griechischen und römischen. Wollte man ihren polytheistischen Charakter bestreiten, dann würde man dem Zeugnis der Quellen widersprechen. Und wenn heute von einzelnen der Versuch gemacht wird, so entspringt dies nicht einer gründlicheren geschichtlichen Einsicht, sondern dem Wunsche nach einer „reineren“ und „edleren“ Form der germanischen Religion, einer solchen, die der aufgeklärten monistisch denkenden Menschheit von heute als Ideal hingestellt werden könne (Baetke). Desgleichen hat es auch im Norden Götterbilder gegeben.
Und doch sprechen viele Anzeichen dafür, dass in den ältesten Zeiten Götterbilder bei den Germanen fehlten. So können wir uns z. B. in dem heiligen Wald der Semnonen („den Zeichen aus Vätertagen und Schauer der Vorzeit weihten“ – s. Tacitus Germania) einen Tempel gar nicht vorstellen, und der Gott, den sie dort anbeteten, war offenbar nicht in einem Bilde dargestellt.
Bis in die letzten Tage des Heidentums haben die Germanen im Süden wie im Norden heilige Berge, Bäume und Quellen verehrt und ihnen sogar Opfer dargebracht. Dass dieser Kult in einem ursprünglichen Zusammenhang mit dem Götterglauben stand, ist wohl anzunehmen. Denn als Willibrord die heilige Quelle auf Fosites-Land entweihte, schalt ihn der König Radbod, dass er sein Heiligtum verletzt und seinen Gott beleidigt habe. Es ist lediglich richtig, dass die Germanen später durch den Einfluss der Römer von diesen die Kunst, Götterbilder zu schnitzen und in den Hainen aufzustellen, übernommen haben. Damit war schon eine Veräußerlichung des religiösen Lebens angebahnt, und der Verfall des alten Glaubens nahm seinen Anfang.
Der Frühlingsglaube war unter den Germanen von hoher Bedeutung, wie überhaupt alle großen Feste, die man den Göttern feierte, als religiöse Volksfeste gefeiert wurden. Es waren hauptsächlich drei, die mit den großen Wenden der Jahreszeiten zusammenfielen: zu Anfang des Winters, zu Mittwinter und zu Sommerbeginn. Das zweite, die Wintersonnenwende, nahm vorwiegend im Norden eine wichtige Stellung im Kultleben der alten Germanen ein. Wie wir durch Adam von Bremen wissen, war diese Feier mit Menschenopfern verbunden, dasselbe berichtet uns Tacitus von den Semnonen und Ingväonen.
An dieser Stelle möchte ich noch eine wichtige Notiz von Schultz einfügen über den Gott der Ingväonen, die Herkunft der Hermunduren und den Ursprung des Germanen-Namens. Diese Notiz scheint mir darum so wichtig, weil sie gerade auf die Urbevölkerung unserer Ahnenheimat näher eingeht:
„Die Ingwäonen sind die Verehrer des Gottes Ingwi, und das ist im späteren Norden Beiname des Gottes Freyr. Ein Gott Istwi ist sonst nicht bekannt, aber Ingwi und Istwi entsprechen einander so genau in Anlaut, Klang, Silbenzahl und Auslaut, dass sie sichtlich ein altes Paar sind. Zu Erminaz, dem Gotte der Hermionen, gehört später die Irminsäule der Sachsen, die das All stürzen sollte. Der Name erhält Licht durch das im Griechischen entsprechende Wort ‚Ormenos‘, das ‚Schoss, Stamm, Strunk‘ heißt. Gemeint ist der Keim, der emporgesprosst ist, sich erhoben hat. Von da ergab sich die Bedeutung ‚gewaltig‘. Die Ermun-duren sind ‚die gewaltigen Duren‘ (Düringe, Thüringer). Ermen-rich ist der ‚-König‘, das entsprechende altnordische Wort Jörmun bedeutet die ‚Welt‘. Und von hier erklärt sich auch der Name Germanen. Das anlautende g- (ga-) entspricht lateinischem co- (con-); die Germanen (ga-ermanen) sind ‚die zusammen groß Gewordenen‘ oder die ‚die sich zusammen erhoben haben‘. In dem stolzen Namen meldet sich der Anspruch auf Weltgeltung vernehmlich an.“
Besonders unter den Semnonen waren die Menschenopfer als höchste und feierlichste Kulthandlung gebräuchlich; vielleicht ist daraus ein Schluss auf das hohe Alter ihres Stammes und ihrer Religion zu ziehen. Denn über Leben und Tod zu richten war nicht einmal den Königen erlaubt, sondern nur den Priestern. In den Menschenopfern hat das Gefühl der inneren Verbundenheit der Volks- und Stammesgenossen, ihrer Schicksalsgemeinschaft, wohl seinen höchsten Ausdruck gefunden. Und auf den großen Naturfesten schloss man durch die Menschenopfer jedes Jahr aufs neue den Bund mit der Gottheit. Das Blut des Opfers war der Kitt, der das Volk mit sich und der Gottheit zusammenband. Und dieser Opfergedanke war der tiefste Gedanke der heidnischen Religion im Germanentum. Da ist ein Menschenleben, das wertvollste was es gibt, doch nicht zu teuer, um es der Gottheit darzubringen und den Friedensbund mit ihr zu erneuern.
Der Germane kannte auch das Gebet. Nach Tacitus hebt der Priester bzw. das Familienhaupt mit einem Gebet zu den Göttern gen Himmel blickend die Losstäbchen auf, und wo in den nordischen Quellen von Opfern die Rede ist, wird fast immer das Gebet erwähnt. So ist uns z. B. auch von Ingolf und Thorolf überliefert, dass sie zu Thor beteten, damit er ihnen Land zuweise.
Der Glaube an die Götter beruhte auf dem Glauben an die Macht, und dieser Glaube entsprang dem Gefühl der Abhängigkeit von der Natur; ihren Erscheinungen und Kräften gegenüber erkennt der Mensch seine Ohnmacht und fühlt daher Angst und Scheu vor ihnen. Der Götterglaube ist also auch ein Dämonenglaube, ein Glaube an die Naturdämonen.
Das Verhältnis des Germanen zu seinen Göttern und sein Glaube an sie war wesentlich durch den Machtgedanken bestimmt, aber nicht im Sinne des Mana des Primitiven, sondern im menschlichen Sinne, wie er sein eigenes Leben beherrschte. Er sah das Leben unter dem Bilde des Kampfes, das für ihn auf Gegensatz beruhte, und sein Wesen nach Kampf war. Wenn man heute das politische Leben so definiert, dass es sich in der Begegnung von Freund und Feind, von Kraft und Widerstand vollziehe, so drückt diese Bestimmung ziemlich genau die Lebensanschauung des Germanen aus. Das Leben selbst in seiner Totalität steht unter dem Gesetz, das in der Antithese zum Ausdruck kommt (Baetke). Dieses Freund-Feind-Verhältnis übertrug der Germane auch auf das Verhältnis zu seinen Gottheiten. Ihre Gottheit war ihnen darum Freund und Vertrauter, das Verhältnis zur Gottheit war ein Freundschaftsverhältnis, ein Schutzverhältnis, eine Schicksalsverbundenheit. Dieser Freundgott-Glaube beherrschte das ganze Leben des Germanen.
Wie der Germane an Götter, an beseelte und beseelte Naturwesen glaubte, so auch an das Göttliche in sich selber (s. Eingang in Walhall), aber immer nur in gescheiterter Selbstkenntnis und Hochachtung vor dem Göttlichen außer ihm.
Die germanische Religion war Persönlichkeits-, nicht Unendlichkeitsreligion; ihre Götter sind willensbegabte Wesen, und schon diese Anschauung der Gottheit ließ in dem Germanen keinen Platz für jene diffusen pantheistischen Vorstellungen, wie man sie ihm heute von Eckehard her gern beilegen möchte.
Ein deutliches Anzeichen für den Glaubensverfall vor Eintritt des Christentums ist die „Gottlosigkeit“, die hier und da unter den Germanen auftrat und darauf zurückzuführen war, dass sich der Germane von seinem Gott im Stich gelassen fühlte und an der Macht seines Gottes zweifelte. Männer dieser Haltung gab es in der Wikingerzeit nicht wenige; manche führten geradezu den Beinamen „der Gottlose“. Es heißt von ihnen, sie glaubten an sich selbst oder ihre eigene Macht und Stärke.
Trotz aller heldischen Haltung des Germanen war er innerlich doch ehrlich erfasst von einer gewissen Gottesfurcht. Denn der Germane betete, und dabei neigte er auch den Leib oder warf sich auf die Knie, ja wohl gar ganz zur Erde nieder.
Der Glaube an die Macht der Götter, der den Kern der germanischen Gottesverehrung ausmachte, äußerte sich nicht nur in einem eudämonistischen Vertrauen auf ihre freundliche Hilfe, sondern hatte auch eine dunkle Seite. Das Bewusstsein der eigenen Ohnmacht, von dem schon Tacitus spricht, und das damit verbundene Gefühl des numinosen Schauers vor der göttlichen Majestät – erst diese beiden Seiten der Frömmigkeit zusammen ergeben das wahre Bild des germanischen Götterglaubens.
Von den Gottheiten der Germanen muss ich in diesem Zusammenhang besonders den Gott Donar oder Thor erwähnen, weil das deutsche Volk in germanischen Zeiten keinen Gott mehr geliebt hat als seinen Donar-Thor (s. „Lied von Thrym“, Edda; „Lied von Hymi“). Wie Frya die weiblichste Gottheit der Germanen war, so war Donar der männlichste Gott. Er führte den Blitz als Waffe, die zunächst in Form der Axt und später als Hammer gedeutet wurde. „Donnernd aus den blauen Höhen wirft er den gezackten Blitz.“ Dieser Gott Donar oder Thor wuchs bei den Germanen zu dem deutschesten aller Götter empor, der geradezu zu einem Abbild des tüchtigsten germanischen Bauerntums wurde. Dieser germanische Axtgott oder Hammergott war nicht nur ein Bauerngott oder Naturgott schlechthin, sondern, weil der Germane so naturverbunden war, ja mit der Natur geradezu auf Leben und Tod verwachsen war, darum fühlte er sich auch im tiefsten mit diesem Lieblingsgott verbunden. Anbetrachts des roten Bartes der Germanen stellte man sich seinen Gott auch mit rotem Barte vor, und dieser alte Volksmythus fand später in Kaiser Rotbart, dem christlichen Herrscher, noch einmal seinen sinnvollen Niederschlag. Dieser Gott, der mit seinem Steinhammer, dem „Donnerkeil“, alles niederschmetterte, was dem Bauern feind war, wächst schließlich zu wirklicher sittlicher Größe empor und wird von den alten Germanen nach Eingang des Christentums in das germanische Gemüt mit dem stürmischen Petrus verglichen, der in seinem zornigen Aufwallen und in seiner todesmutigen Treue, in seiner aufflammenden Begeisterung und in seiner treuherzigen Gefühlswärme in der Tat dem Donar ähnlich ist. Die kleine Peterskirche bei Geismar, die von Bonifatius aus dem Holze der alten Donarseiche bei Geismar erbaut wurde, ist ein treffender Beleg dafür. Auch der Himmelfahrtstag erinnert noch an den alten Gott, denn da er ein Donnerstag ist, soll an ihn nach alter Volkssage stets ein Gewitter kommen. Ein kräftiges Donnerschlagen, das heute noch manchem biederen Deutschen einfällt, erinnert auch an den lieben alten Gott. Der Dittmarscher Bauer sagt beim Gewitter: „Der Alte fährt wieder einmal da oben und haut mit der Axt an die Räder.“ Den alten Germanen wäre es darum sehr schwer gefallen, von ihrem alten Donar-Gott Abschied zu nehmen, wenn sie ihn nicht in Petrus weiter verehrt hätten. Das war der alte Axtgott.
- Ethos und Schicksalsglaube bei den Germanen
Da der Götterglaube offenbar in gar keiner Beziehung zu dem sittlichen Leben des einzelnen Germanen stand, geriet er auch schon längere Zeit vor Eintritt des Christentums ins Wanken. Dafür trat der Glaube an ein allwaltendes Schicksal bei den Germanen mehr und mehr in den Vordergrund. Die Schicksalsmächte sind in erster Linie die in der Edda öfter vorkommenden Nornen, weibliche mythologische Gestalten, die das Menschenleben von der Geburt bis zum Tode hin bestimmen. Man kann sagen, dass der Germane mit der Anerkennung einer Macht, die das Schicksal waltet, zugleich auch unter dem Eindruck steht, dass diese Macht dem Menschen unheilvoll und feindlich ist. Z. B. die trostlosen Worte des Angantyr an der Leiche seines Bruders am Schlusse des Hunnenschlachtliedes: „Ein Fluch traf uns, Bruder. Dein Blut habe ich vergossen! Nie wird das ausgelöscht werden. Unheil schuf die Norne.“ Man muss bedenken, dass die Tötung eines Sippenangehörigen wie des Sohnes oder Bruders den Germanen als furchtbarstes Unglück und zugleich als schlimmste Meintat galt. Oder denken wir an die ganze Nibelungensage, an das schicksalhafte Weben unbekannter unheilvoller Mächte in Wagners „Walküre“, in der „Götterdämmerung“ und im „Tristan“.
Überall furchtbarstes unheilvolles Geschehen, dunkles Leid, für das am Ende kein Trost gereicht wird. Auch das Schicksal, das im Heldenliede waltet, ist Unheil im tiefsten und letzten Sinne des Wortes, ohne Erhebung und ohne Versöhnung. Hildebrands Ausruf in dem Augenblick, als er das Schwert gegen sein eigenes Kind zieht: „Ach waltender Gott, weh Geschick geschieht“, ist Ausdruck unheilbaren Leides. Im Fafnirlied heißt es genau wie in den Sagas: „Den Todgeweihten bringt alles den Tod“.
Der germanische Schicksalsglaube beruht zutiefst auf dem Schuldglauben. Überall in den Heldenliedern, in der Edda, in den Sagas ist von Schuld die Rede, aber nicht von menschlicher Schuld, sondern von der Schuld der Schicksalsmächte der Nornen. „Uns reizten Nornen, verführten uns zum Morde“, sagt Hamir. Das Schicksal wird also angeklagt. Diese Schicksalsmächte sind wohl auch in dem allgemein germanischen Begriff Urd ausgedrückt, denn dort heißt es: „Das Wort der Urd überwindet keiner, auch wenn es ihm Schande beschert“ (s. auch Hildebrands Ausruf: welaga nu, waltant got, wewurt skihit = Weh-Wurd geschieht).
Ja noch mehr, die Götter selber sind dem Schicksal unterworfen, denn es heißt im „Hymirlied“, dass die Götter den Losspan warfen, um die Zukunft zu erforschen. Zum mindesten ist der Schicksalsglaube späterhin die tiefere Form germanischer Frömmigkeit. Es ist aber nicht wahr, dass der Germane der Spätzeit ständig von unheimlicher Angst vor dem Schicksal geschüttelt worden wäre und sein Seelenzustand unter dem ständigen Druck der „Weltangst“ gestanden habe. Überall wird das Schicksal aufgefasst und verstanden als das Numinose, als das unbedingt Mächtige, Höhere, vor dem der Mensch nur Unterwerfung bleibt. Der Schicksalsglaube ist Urfrömmigkeit. Das demütige Gefühl der Abhängigkeit von einer höheren Macht, das tief religiöse Bewusstsein davon, dass der Mensch nicht alles kann, was er will, findet in ihm seinen letzten, erhabensten Ausdruck. Es ist das Gefühl der Ohnmacht, der numinosen Scheu vor der allbeherrschenden Macht – dem regnator omnium –, das die Semnonen, also die Stammesbrüder unserer alten Hermunduren, im Fesselheim in den Staub warf. Es fehlte dem Schicksalsglauben die eine Seite des Numinosen: das Anziehende, Beseligende, das fascinans. Das Schicksal war in keinem Sinne eine freundliche, sondern es war eine durchaus feindliche Macht; man war in jeder Beziehung von ihm abhängig, konnte ihm aber auf keinem Wege beikommen. Es war nicht Gegenstand des Gebets und des Opfers und konnte es seinem Wesen nach nicht sein, weil es nicht mehr Gott, nicht mehr Person war. Mit einem Wort: der Schicksalsglaube war eine religiöse Frage, auf die die Antwort ausblieb – weil sie ins Leere gerichtet war. Das Schicksal war blind, weil der Glaube an es ein blinder Glaube war, wenn auch der glaubende Germane in seiner Haltung heroisch war. Der Schicksalsglaube war nahe daran, ein Zufallsglaube zu werden. Er war nicht in der Lage, aus sich heraus eine neue Religion zu gebären; seines eigentlichen religiösen Inhalts beraubt, in sich selber unglaubwürdig geworden, war er allmählich zu einem blutleeren und kalten Heidenglauben geworden, der keiner Fortzeugung mehr fähig war. Die germanische Religion war am Ende des ihr gesetzten Lebens angelangt, ihre Zeit war erfüllt. Das Schicksal, an das sie glaubte, brach über sie selbst zusammen in Gestalt der neuen Religion, die die Antwort brachte, die sie selbst nicht hatte finden können – das war das Christentum.
- Wie unsere Vorfahren Christen wurden
„Lausch in den Abend, lausch in den Morgen, überall erlauschest du Gott.“
Gustav Schüler.
Das Ahnen, das aus diesem Worte spricht, bereitet schon den Boten vor, der die neue Botschaft des Christentums aufnehmen sollte:
„Alles ist euer, ihr aber seid Christi.“
Paulus.
Aus den vorhergehenden Betrachtungen über den Wandel des Germanenglaubens vom Götterglauben zum Schicksalsglauben und über den fragwürdigen Schicksalsglauben hinaus zur Trostlosigkeit des Zufalls geht schon hervor, dass sich die Seele des Germanentums im Innersten nach einer wahren Erfüllung ihrer religiösen Sehnsucht sehnte. Gerade von den Sagas aus erscheint das Christentum in bestimmtem Sinne als die Erfüllung der religiösen Sehnsucht, die in der germanischen Religiosität, wo immer uns diese sichtbar wird, lebendig war. In Freundgottglauben spricht das Verlangen nach einem innigen persönlichen Verhältnis zur Gottheit auf, das sich auf Neigung und Vertrauen gründet – aber es kann, wie die Hrafnkelssaga lehrt, in der unzulänglichen Gottesvorstellung des Heidentums keine Befriedigung finden. Vielmehr schwindet gleichzeitig der Glaube an die Macht der Götter dahin, und in der großen geschichtlichen Wende der Zeiten, die alles, was bisher feststand, und so auch die Götter ins Wanken bringt, erwacht die Schicksalsfrage, die in ihrer Tiefe immer eine religiöse Frage ist. Sie ruft nach einem Gott, der Herr ist auch über das Schicksal. Im Heliand ist diese Frage noch deutlich zu verfolgen. Aber es dauerte nicht lange, bis die Gewissheit die Herzen eroberte: „Christ ist mächtiger als das Geschick!“, und damit war der Sieg des neuen Glaubens entschieden und der Grund für eine neue Welt gelegt (Baetke).
Die Bekehrung der Germanen zum Christentum war also zu ungefähr 80% aller Fälle tatsächlich die Übernahme der neuen Religion aus freiem Antrieb. Der Germane erkannte die Überlegenheit des neuen Glaubens und die Wahrheit der evangelischen Botschaft, wenn er sie auch zunächst noch in der Schale seines Germanenglaubens empfand. Dass tatsächlich z. B. die Sachsenbekehrung durch Karl d. Gr. mit brutaler Härte geschah, ist schon richtig; aber einmal erfolgte sie aus politischen Motiven, zum anderen war die Härte bedingt durch die alten Stammesgegensätze zwischen Franken und Sachsen, zum dritten ist nach den neuesten Forschungen Prof. Bauers die sog. Hinschlachtung der 4000 Edlen sehr unwahrscheinlich, und schließlich: Diese Sachsenbekehrung erfolgte ja erst Jahrhunderte später, nachdem schon weite Kreise der Germanen aus Überzeugung Christen geworden waren.
Wer zwang denn die Franken, das Christentum anzunehmen (5. Jh.)? Wer hätte denn die Germanenstämme der Ostgoten und Westgoten, die sich Italien und einen Teil des Mittelmeergebietes bereits im 4. und 5. Jh. unterworfen hatten, zwingen können, das Christentum anzunehmen, wo sie doch das morsche römische Reich mit nur wenigen 1000 Mann im Sturme überrannten und die Herren der Mittelmeerwelt waren (s. das mächtige Ostgotenreich unter Theoderich d. Gr.)?
Schließlich sind auch die gewaltsam bekehrten Sachsen gute und aufrichtige Christen geworden, und auch Widukind war überzeugt von seinem christlichen Glauben. Man soll doch endlich bei der Beurteilung der beiden großen Gegenspieler Karl d. Gr. und Widukind vorsichtiger und gerechter zu Werke gehen! Die deutsche Geschichte beruht nun einmal auf der doppelten Tatsache, dass Karl d. Gr. die christlichen Bayern und die heidnischen Sachsen in das Frankenreich hineingezwungen und damit den Kreis der Stämme abgeschlossen hat, aus dem ein deutscher Staat erwachsen sollte. Damit steht er für alle Zeiten am Eingangstor deutscher Geschichte. Dass Karl d. Gr. mit blutiger Härte die Sachsen unterwarf, weil darin eben die alten Stammesgegensätze zwischen Sachsen und Franken zum Ausbruch kamen, wie ich oben erwähnte, ist richtig. Aber vergessen wir nicht, dass die getauften Sachsen im nächsten Menschenalter mit derselben blutigen Härte das heidnische Wendenland unterwarfen und den Zug nach dem Osten eröffneten. Denn auf diesen getauften Sachsen, unter denen auch Sohn und Enkel Widukinds waren – nicht etwa auf den heidnischen Sachsen – beruht die große Leistung der Kolonisation des slawischen Ostens jenseits der Elbe, und sie mussten sich von dem heidnischen Nordgermanentum gewaltsam abgelöst haben, um die Träger dieser Mission werden zu können, während das heidnische Nordgermanentum, auf das Widukind sich immer gestützt hatte, noch lange die deutschen Küsten mit Mord und Brand heimsuchte. So war nun einmal die Zeit!
Und noch eins: Es ist eine Herabwürdigung Widukinds zu behaupten, er habe sich nur in schlauer Unterwürfigkeit taufen lassen. Nein! Dieser Mann war ein zwar wilder, aber ehrlicher und gerader Charakter, ein Held, der keine Falschheit kannte. Weil er überzeugt war, lebte er nach seiner Taufe ebenso echt und aufrichtig als Christ unter Christen. Man lobt nicht sein Heldentum, wenn man ihm eine so niedrige Gesinnung unterschiebt. Und man schmälert die Charakterstärke unserer Vorfahren, wenn man behauptet, sie hätten sich eine artfremde Religion aufzwingen lassen. Weil ihnen der christliche Glaube artgemäß war, nahmen sie ihn an – und zwar freiwillig.
Wie spielte sich nun die Christianisierung im Gebiet unserer Ahnenheimat ab? Die Franken, welche ganz Thüringen in Besitz nahmen, waren Christen. Durch sie kamen die ersten Thüringer zum christlichen Glauben, zunächst ohne Mission. Die Kenntnis der christlichen Gläubigkeit übertrug sich in vielen Einzelfällen schon von ganz allein von den Franken auf die Thüringer. Schon die politische Klugheit gebot den Franken, den unterworfenen Völkern nicht mit Gewalt den alten Glauben zu rauben. Und doch mussten sie versuchen, unauffällig die unterworfenen Stämme durch Gleichschaltung der Religion an sich zu ketten; also waren es in erster Linie doch politische Missionierungsversuche. Sie mussten vor allem militärische Befestigungen anlegen, um die Gewalt über das eroberte Gebiet aufrecht halten zu können. Gerade unsere Gegend, die der alten Sorbengrenze an der Saale so nahe lag, bedurfte eines starken Schutzes. Als die Franken auf den Gebirgszügen der Schmücke und Finne entlangstreiften, fanden sie die Höhen bereits mit alten Wallburgen besetzt, die an militärisch wichtigen Stellen angelegt waren. Da hinein bauten nun die Franken ihre hölzernen Burgen, in die sie ihre Besatzungen legten, die natürlich Christen waren, wie in der Heimat. So errichteten die Franken nun auch hier auf Anregung der Kommandanten Kapellen und Oratorien, die der täglichen Andacht dienen sollten, und aus der Frankenheimat holten sie allmählich ihre Priester nach. Aus dieser Tatsache geht hervor, dass es also Militärseelsorger waren, die zuerst in Thüringen die christliche Botschaft verkündeten. Wenn sie auch zunächst nur zum seelsorgerlichen Dienst an der fränkischen Besatzung ins Land kamen, so werden sie doch mit der heidnischen Urbevölkerung in Berührung gekommen sein, zumal die fränkischen Edelinge, die das Kommando der Besatzung führten, die Heidenmission unterstützten, wenn auch aus politischen Motiven. Die Glocke, die bisher von einem Turm innerhalb der Wallmauer ins Land tönte, rief späterhin dann auch die Bevölkerung der Thüringer zum Gottesdienst, und so wurden diese alten fränkischen Befestigungen bald zum Mittelpunkt und Sammelpunkt der Bevölkerung. Aus den hölzernen Kapellen wurden feste Steinkirchen, die den Grund bereiteten für die gewaltigen romanischen Basiliken und die gotischen Dome, die heute noch in unserem Lande von einer ruhmvollen Vergangenheit zeugen.
Solche Kapellenreste grüßen uns heute noch an der Unstrut in den Ruinen der Sachsenburg; sie legen Zeugnis davon ab, dass hier von einem hölzernen Glockenturme jahrhundertelang die Glocke des Christengottes unsere Vorfahren zur Andacht rief. Das Gleiche gilt für die jetzt längst verschwundene Monraburg bei Burgwenden, eine jüngere Tochter des ersten Wallbaues.
Auf der Höhe des Stefansberges hatte die fränkische Besatzung der Lichtenburg ihre erste Missionskapelle erbaut. Auch die Altenburg bei Mallendorf wurde in dieser ältesten Zeit gegründet. Von diesen Kapellen grüßte das Kreuz unsere alten Thüringer, und überall im Lande herrschte unter diesem Zeichen Frieden, der sich sehr bald zwischen Franken und Thüringern einbürgerte. Schwert und Pflug zusammen in der Hand der Enkel wahrten, was die Väter gewonnen. Und wenn auch die Ansiedler, welche die Franken zur Finne geführt, selbst noch keine Christen gewesen sind, Christen waren doch wohl ihre Führer, Christen auch die fränkischen Edelinge, welche für ihren Kriegsdienst mit Dörfern und Hufen begabt hier eine neue Heimat gesucht und gefunden hatten (Naumann). Und wenn rabenumwehrt sich im Dorfe der Sitz des Edeln erhob, dann fehlte im seltenen Falle nur eine Kapelle, die, auch zunächst nur für den Herrn des Dorfes bestimmt, doch in geraumer Zeit auch den Dorfbewohnern selber zum Sammelpunkt wurde. Man darf aber die Augen auch nicht vor der nackten Wirklichkeit verschließen und nur an eine harmonisch sich entwickelnde Christianisierung denken.
Es mag wohl mancher Priester, wieder unter Heiden wohnend, halb zum Heiden geworden sein und, nachdem er am Mittag unter dem Symbol des Kreuzes getauft, in verschwiegener Nacht mit am Feuer im Waldesdunkel gesessen haben, das zu Ehren Wodans leuchtete. Denn es kam nur selten aus der fränkischen Heimat ein Wanderbischof, um sich nach dem Erfolg der Missionsarbeit zu erkundigen. Aus unsicheren Überlieferungen kann man noch Zornesausbrüche des Bonifatius herauslesen, der sich über solche Priester erboste. Und doch muss man feststellen, dass es diese Priester waren, durch die die Botschaft von Jesus Christus zuerst in deutsche Lande drang und dass unter ihrer Wirksamkeit unsere Ahnenheimat schon um die Wende des 8. Jh. zu einem guten Teil dem christlichen Glauben zugewendet war. Es ist nicht wahr, dass iroschottische Mönche die Berge der Finne und Schmücke betreten haben. Und wenn an ihrem Fuße, in Lauchaer Flur, in Rastenberg, in Freiburg Kilianekapellen sich erhoben, so sind diese doch nur Beweise, dass der Name des Gottesmannes, der in und um Würzburg herum wirkte, auch in unserer Gegend seinen guten Klang hatte. (Dieser Kilian [Killera], angeblich iroschottischer Wanderbischof, war zur Merowingerzeit Glaubensbote am Main und wurde samt seinen Gefährten in Würzburg ermordet). Auch der Friesenapostel Willibrord hat hier nicht gepredigt.
Eine andere Frage ist, ob Winfrieth, der nach seiner Bischofsweihe Bonifatius benannt wurde, seinen Fuß in unsere Gegend gesetzt hat. Es wird zwar behauptet, dass er der Gründer der Großmonraer Peterskirche sei, aber unsicher ist das. Vielleicht ist er, als er in Ohrdruf weilte, auf seinen Missionsreisen in das Gebiet der Finne und Schmücke gekommen und hat bei dieser Gelegenheit die Anregung zu Kirchenbauten gegeben; auch die Peter-Paulskirche in Kölleda mag auf seine Anregung hin gebaut worden sein. Mag dem sein wie es will, ein nicht geringer Einfluss mag von seiner Tätigkeit auch in unsere Ahnenheimat gedrungen sein, und die an wenig Aufsicht gewohnten fränkischen Priester sind vielleicht zu genauerer Einhaltung ihrer seelsorgerlichen Pflichten bestimmt worden. Vielleicht ist aus den Gründungen der Klöster Fulda und Hersfeld ein Schluss auf die Missionstätigkeit im Finnegebiet zu ziehen.
Das Kloster Fulda, 744 von Sturmi, einem Lieblingsschüler des Bonifatius, gegründet, wurde nicht nur eine Musteranstalt, sondern entwickelte sich zum Mittelpunkte der Geisteskultur im 8. und 9. Jh. Aus seiner Schule sind die berühmten Männer des 9. Jh. hervorgegangen; dieses Kloster war das Mutterhaus für den Nachwuchs der Missionare. Es war gerade in unserer Heimat reich an Gütern: so Beichlingen, Oberheldrungen, Rettgenstedt, Frondorf, Gosserstedt, Etzleben, Bibra, Auerstedt, Tromsdorf, Leubingen und Gorsleben. Diese Güter zahlten Zinsen an das Kloster Fulda, während uns alte Urkunden Kunde geben, dass Rettgenstedt, Altbeichlingen und Gorsleben samt ihrer Fluren zum Eigentum Fuldas gehörten.
Das Kloster Hersfeld, 768 von Lullus gegründet, wuchs bald neben Fulda als stärkstes mitteldeutsches Kloster hervor und erfreute sich noch mehr als Fulda der Gunst des Herrschers. In 132 Orten Thüringens besaß es Güter, die wichtigsten Orte von Artern an der Unstrut entlang bis zur Mündung in die Saale gehörten zu seinem Besitz. Außer diesen Gütern und solchen am Nordhang der Schrecke und am Nordhang der Finne gelegenen Wiehe gehörten Allerstedt, Wolmirstedt und Memleben, Wennungen, Scheidungen und Balgstedt, Bibra, Hessler, Tromsdorf und Millingstedt zu seinem Besitz. Dazu kamen später Kölleda, Griefstedt, Büchel und Gorsleben.
Aus diesen Tatsachen geht hervor, dass die Mönche, die von diesen Gütern Zins einholten, wohl auch hier und da Wortverkündigung getrieben und ihren Einfluss geltend gemacht haben. Wo eine Bonifatiuskirche steht, kann man an Fulda denken, wo eine Wigbertskirche steht, wirkt vielleicht der Einfluss des Klosters Hersfeld nach.
Aus allen diesen Untersuchungen darf man nun keineswegs den Schluss ziehen, dass diese Art Gründungen mit Waffengewalt erfolgt sind. Es waren meistens Schenkungen von Fürsten, die ihrerseits aus eigener Initiative zum christlichen Glauben übergetreten waren (ob aus politischen oder religiösen Motiven, lässt sich ja nicht beurteilen). Wer aber von den ältesten Thüringern unter den ersten Franken Christ wurde, der wurde es aus freier Überzeugung. In späteren Jahrhunderten haben unsere Vorfahren in einer tiefsinnigen mittelalterlichen Legende selbst die Antwort gegeben, in der Erzählung vom „Christophorus“: „Christus war stärker als unsere Götter“!
- Hat unser Geschlecht Slavenblut in den Adern?
„Ein Volk wird für seine Zukunft nur erzogen durch seine Vergangenheit, und die Gegenwart soll das richtige Verhältnis zwischen beiden er- und vermitteln.“ (Langbehn „Rembrandt als Erzieher“)
Durch die vielen Bruderzwiste, und die gewaltsame Ausrottung der germanischen Bewohner in unserem mitteldeutschen Heimatgebiet ergaben sich für die folgenden Jahrhunderte verhängnisvolle Folgen. Durch die Hunnen, die aus Ostasien hereindrangen, aufgescheucht waren schon im 5. Jahrhundert in den Gebieten östlich der Elbe slavische Völkerschaften, Glieder des letzten indogermanischen Stammes in Asien, in die von den Germanen während der Völkerwanderung verlassenen Landschaften nachgerückt. Ursprünglich waren die Slaven die Nachbarn der Goten, die auch in den inneren Gefilden Russlands ihren Sitz hatten. Beide Völkerschaften waren durch die Hunnenstürme in Bewegung geraten. Die Slaven schlossen anfänglich im Gefolge der Awaren, eines asiatischen Volkes, das sie in Knechtsdienste zwang, fortschritten und das Land bebauten. Als sie in die deutschen Gebiete einzogen, wurden sie von den Germanen als Winden oder Wenden bezeichnet. Um die Mitte des 6. Jahrhunderts siedelte sich ein Teil dieser Slaven, der Stamm der Surbi (Sorben) genannt, in den verlassenen Gebieten zwischen Saale und Elbe an, nachdem sie die Markherrschaft abgetrennt hatten.
Reste der germanischen Bevölkerung unterwarfen sich ihnen und vermischten sich mit ihnen. Das Aussehen dieser sorbischen Bevölkerung trug den Typus der slavischen Volksrasse: gedrungene Gestalt, breites Gesicht mit hervorragenden Backenknochen, glatte Nase, dunkle Augen und breiter Mund. Die Grenzen der sorbischen Ausdehnung im 6. Jh. waren ungefähr folgende: Im Osten der Bober, im Westen die Saale, im Norden die Spree und Havel und im Süden das Lausitzer Gebirge und das Erzgebirge.
In ihrem Vordringen folgten die slavischen Einwanderer zunächst dem Laufe der Flüsse und gelangten allmählich so in das Innere des Landes. Wenn auch viele Forscher einen kriegerischen Einbruch über die Saale hinaus nach Westen leugnen, so ist doch kein Zweifel, dass diese Sorben die Saalegrenze überschritten haben. Gewiss sind die meisten Slavensiedlungen westlich der Saale durch Kolonen (Siedler) entstanden, aber man kann an der Art der Siedlungen noch ersehen, ob sie in einer kriegerischen Wanderzeit oder durch friedliche Siedlungsweise zustande kamen. Es ist wahrscheinlich, dass fränkische und sächsische Fürsten die Sorben-Wenden auf ihren Königsgütern in Dienst gesetzt haben. Das gleiche trifft für die Saalegrundbesitzer zu. Besonders nahe genug kann man gerade in unserem Gebiete annehmen, dass hier slavische Ansiedlungen in nächster Nähe an den germanischen oder sorbisch ansässigen derart gedrängt sind, dass es zu Verwachsungen kam. Auf friedliche Kolonisation deuten die Ortsnamen, deutlicher sind es in der schwächeren Region der Besiedlung selbst die Flurnamen. Flussvorgerungen und dergleichen, die von der sorbischen Bevölkerung unterworfen wurden.
Auch die alte Reichburg Spielberg fiel ihnen zum Opfer und anstelle der alten vernichteten Frankensiedlung erhob sich der sorbische Rundling in einer so ausgesprochenen Form, wie sie sich wohl nur noch in der Wüstung Lasan westlich der Saale findet (Schlüter). Vielleicht lässt sich ein Fingerzeig für eine richtige Unterscheidung zwischen wirklichen Sorbensiedlungen, z. Zt. des siegreichen Vordringens errichtet und entstanden dadurch Siedlungen, die auf friedlichem Wege gegeben, dass man nicht nur auf Dorfnamen und Dorfanlage achtet, sondern vor allem auch die Flurnamen in Betracht zieht. Denn wo wir sorbische Flurnamen antreffen, da liegt am ehesten der Beweis nahe, dass der Sorbe hier seinen Pflug durch den Acker gezogen hat. Zu diesen Fluren gehören dann vor allem die sog. Reisdörfer. Aber gerade für das Unstrut-Finne-Gebiet sind dergleichen sorbische Siedlungserscheinungen verhältnismäßig wenig nachzuweisen.
Einige Anhaltepunkte mögen in diesem Zusammenhang genügen: 1124 wird bei der Teilung des Probsteivermögens von Bad Bibra ausdrücklich eine Sorbensiedlung erwähnt, deren Anlage auf die sächsischen Könige zurückzuführen ist. Die heute längst verschwundene alte Kirche, die dem hl. Agidius geweiht war, spricht dafür. Dieser Weihename, bei den Sorben sehr beliebt, kommt noch einmal in Beichlingen und Kannawurf vor, wobei zu bedenken ist, ob nicht am Fuße des Beichlinger Schlossberges eine ähnliche sorbische Frohnsiedlung entstanden ist wie Bibra. In Kannawurf mag die Ägidienquelle auf sorbische Benennung zurückzuführen sein. Der hl. St. Vitus, der auch bei den Sorben beliebt war, war der Schutzheilige der Kirche von Auerstedt und das zu Weimar gehörige benachbarte Reisdorf. Beide Orte waren stark mit sorbischen Elementen besetzt.
Diese schriftlichen Beweise gehen noch nicht in das direkte Finnegebiet (mit Ausnahme von Beichlingen und Kannawurf). Dagegen sind aus Orts- und Flurnamen slawische Siedlungen in Borgau, Schafau und Kalbitz nachzuweisen, wie überhaupt alle Endungen auf -au und -itz als slawisch anzusprechen sind. Was Schafau betrifft, dem Ort, der unserer Ahnenheimat am nächsten liegt, so könnte die Endung -au später angehängt sein in Anlehnung an den Schafabach. Andererseits spricht die Sitte, dass noch vor Generationen die Frauen in weißer Kleidung getrauert haben, für slawischen Ursprung. Die Endungen -itz sind freilich auch nicht in jedem Falle als slawischen Ursprungs anzusehen.
Die Frage, ob aus Flurnamen Schlüsse auf Slawensiedlungen zu ziehen sind, enthält unmittelbar auch die andere, wie weit man aus der Anlage der Ortschaften eine ehemalige Sorbensiedlung erkennen kann. Die gebräuchlichste Art zu siedeln war bei den Sorben die Hufeisenform bzw. die Rundung. Da in unserem Heimatgebiet sehr viele Orte und Wüstungen ähnlicher Anlage zu finden sind, aber deutsche Flurbezeichnungen haben, ist es sehr zweifelhaft, ob man darin sorbische Gründungen suchen darf. Hat doch auch bei germanischen Siedlungen der Gedanke der Verteidigung die Form der Ortsanlage bestimmt, und die günstigste Form war in dieser Hinsicht zweifellos die Hufeisenform.
Schließlich wäre noch zu untersuchen, ob die Beweise unter der Erde Slawensiedlungen erkennen lassen. Funde aus sorbischer Zeit sind gemacht worden auf der Altenburg bei Eckartsberga (Scherben mit den charakteristischen Wellenornamenten, mit dem Kamm in den weichen Ton eingeritzt), ebensolche in der Fundstelle der steinzeitlichen Siedlung bei Griefstedt und in der Flur Oberheldrungen. Ein Beweis gegen regelrechte Sorbensiedlungen westlich der Saale ist die Tatsache, dass die typischen Ringwälle sorbischen Ursprungs, die uns ostwärts der Saale so häufig begegnen, westlich der Saale überhaupt nicht nachweisbar sind.
An Funden sind ferner gemacht worden: Viele Scherben mit dem Wellenornamente bei dem Reparaturbau der Thüsdorfer Kirche, desgleichen in der Lehmgrube am Berghang in Herrengosserstedter Flur wie auch in Millingsdorfer Flur, desgl. an der sog. „Totenkippe“, die heute mit Fichten bestanden ist, in der Gössnitzer Flur, in der auch Funde von Perlen gemacht werden konnten, sodass man hier an eine slawische Begräbnisstätte denken könnte.
Zu dem oben schon erwähnten historisch bedeutsamen und ungemein kostbaren Fund im sog. „Leubinger Hügel“ seien noch einige Einzelheiten hinzugefügt, die das Werk von Götze angibt: In einer oberen Begräbnisschicht fanden sich hier zwischen 0,30 m und 2 m unter Hügeloberfläche etwa 70 Skelette meist dicht über- und nebeneinander, alle Kopf im Westen, die meisten mit Holzkohle bedeckt, einige auch seitlich eingefasst, eins auch unterhalb, also sargartig umschlossen. Fast die Hälfte Kinder, außerdem Frauen und Greise; bei einem Skelett die Reste eines Pferdes.
Beigaben: Silberne und bronzene Schläfenringe, zum Teil in Ledergeflecht gestickt; silberne Ohrringe mit je 3 Hohlkörpern von Silberblech mit aufgelöteten Silberperlen; silberne Berlocks von feiner Filigranarbeit; 6 bronzene Fingerringe, offen, die meisten flach und nach den Enden zu sich verjüngend, nur 2 von rundem Draht. Glas- und Steinperlen an Hals und Brust, in 7 Fällen größere Ketten bildend, kugelig, zylindrisch, tonnenförmig, facettiert, einige buntfarbig eingelegt; unter den Steinperlen Amethyst, Bergkristall, Achat, Jaspis. Reste von Geweben und lederne Schuhe und nur in wenigen Fällen einzelne zertrümmerte Tongefäßscherben unverziert mit aschiger Branderde über den Toten. (Vgl. Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächs.-thür. Länder V, 1906).
Dieser Fund dürfte allein genügend Beweismaterial bieten, dass die slawische Besiedlung unseres Heimatgebietes – denn zwischen Leubingen und Saale liegt das gesamte Finnegebiet – nicht unerheblich gewesen ist. Allerdings kann man keine genauen Feststellungen machen, inwieweit durch kriegerische Einfälle in dieses Gebiet eine feste Ansiedlung mit nachfolgender Blutsvermischung mit der unterworfenen Urbevölkerung erfolgt ist. Nach allen Untersuchungen lässt sich vielmehr die Behauptung aufstellen, dass wahrscheinlich im Finnegebiet nur vereinzelt hier und da slawische Siedlungen durch Kolonen entstanden sind.
Es ist anzunehmen, dass diese mehr oder weniger durch Fürsten und Könige herangezogenen Frohnleute doch eine Sonderstellung unter der einheimischen Bevölkerung eingenommen haben und darum, zumal ihre Zahl verhältnismäßig gering gewesen sein mag, der Bluteinschlag slawischer Rasse in der Altbevölkerung des Finnegebiets nicht hoch gewertet werden darf. Dass in diese oder jene Familie slawisches Blut gekommen ist, lässt sich freilich nicht leugnen.
Will man nun die Anfangsfrage beantworten: „Hat unser Geschlecht Slavenblut in den Adern?“, dann kann man darauf keine genaue Antwort geben. Das eine nur steht fest: dass gerade in dem engeren Landschaftsbezirk unserer Finneheimat, wo bis in älteste Zeiten unsere Familie nachweisbar ist, keine Sorbensiedlungen nachweisbar sind und dass höchstens durch Einheirat eines slawischen Siedlers in diese Familie Slavenblut in unser Geschlecht gekommen sein mag. Auf die blutmäßige Allgemeinentwicklung unseres Geschlechts gesehen, ist aber immerhin dieser slawische Einschlag als unbedeutend zu werten, vorausgesetzt, dass unsere Ahnen wirklich aus dieser Gegend stammen.
- In welcher Zeit entstand unser Geschlecht?
„Die Sprache ist der Spiegel einer Nation.“ (Schiller)
Die Lösung dieser Frage kann uns nur aus den Ergebnissen sprachgeschichtlicher Untersuchungen kommen. Die landschaftliche Beschaffenheit unserer Ahnenheimat einst und jetzt liegt nunmehr klar und die völkerpolitischen Bewegungen von der Steinzeit an bis zum Mittelalter gaben die Grundlage ab für die sprachgeschichtlichen Betrachtungen, die im folgenden das bisher gewonnene Resultat ergänzen und soweit als möglich vervollständigen sollen. Diese Ausführungen lassen aber auch zugleich die Schwierigkeit einer Festlegung der Entstehungszeit eines Geschlechts erkennen.
Wiederum muss betont werden: Die Gefahr der Fantasie bzw. der freien Konstruktion ist so groß, dass eine genaue kritische Untersuchung aller sprachgeschichtlichen Momente ebenso notwendig ist, wie die ausführliche Darlegung der landschaftlichen und völkerkundlichen Vorgänge.
Die Geschichte eines Volkes spiegelt sich im Werden und Wachsen einer Sprache wider. Das erkannte Schiller, als er sagte:
„Die Sprache ist der Spiegel einer Nation. Schauen wir in diesen Spiegel so tritt uns darin ein großes, herrliches Bild von uns selbst entgegen.“
Um ein Volkstum ganz zu verstehen, muss man eben alle Lebensäußerungen eines Volkes erforschen. Trotz aller wissenschaftlichen Forschungen liegen aber noch heute Jahrtausende der Kindheit und Jugend unseres Volkes im Dunkel der Urzeit verborgen. Erst seit Beginn der christlichen Zeitrechnung formt sich ein klares Bild deutscher Geschichte, und doch haben Jahrtausende vorher schon deutscher Geist und deutsches Blut den Grundstein zu dem später sich vorbereitenden großdeutschen Reich gelegt.
Schriftliche Aufzeichnungen kann man in vorchristlicher Zeit kaum, aber die Sänger verkündeten die Großtaten ihres Volkes von Generation zu Generation. Diese Lieder, diese Sprache lassen die Urvergangenheit wie im Dämmerlicht aufleuchten und geben uns Zeugnis aus ruhmvollen Zeiten deutscher Vorgeschichte.
- Die sprachgeschichtlichen Grundlagen des Namens Axthelm und die Schlussfolgerungen, die sich daraus ergeben
Nach Prof. Kluge könnte man den Entwicklungsgang unserer Sprache auf sieben Zeitstufen verteilen:
- vorgermanische
- urgermanische
- altgermanische
- urdeutsche
- althochdeutsche
- mittelhochdeutsche und
- neuhochdeutsche Zeit
Freilich lassen sich diese Stufen zeitlich nicht scharf abgrenzen. Sie gehen wie die Farbtöne eines Aquarells ineinander über. Die vorgermanische Zeit, d. h. als die Germanen noch keine eigentlichen Germanen waren, entwickelte sich langsam in die urgermanische Zeit, die wiederum durch keinerlei geschichtliche Zeugnisse erhellt wird.
„Der Übergang vom vorliterarischen Dunkel vollzieht sich in sprachlichen Tatsachen seit den letzten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung. Da tritt Deutschland in die Geschichte ein und damit zugleich auch seine Sprache. Aber zwischen den alten Germanen unseres dritten und den alten Deutschen unseres vierten Zeitabschnittes greifen die sprachlichen Tatsachen unmerklich ineinander. Schwankend und fließend beginnt die althochdeutsche Zeit schon vor unserem ältesten Schrifttum, das in der Mitte des 8. Jh. langsam anhebt, um sich dann im 11. Jh. allmählich in die mittelhochdeutsche Zeit umzusetzen. Die mittelhochdeutsche Zeit, deren Regungen schon in der Sprache des 11. Jh. leben, gipfelt in den klassischen Dichtungen Walthers und Wolframs, erzeugt aber schon im 13. Jh. Lautgesetze, mit denen die Neuzeit der Entwicklungsgang unserer klassischen Schriftsprache einsetzt.“
Soweit sind nun auch die sprachlichen Grundlagen des Namens Axthelm zeitlich zu verfolgen, wenn anders die Entstehung des Geschlechts Axthelm überhaupt geklärt werden soll.
Zunächst sei ein Überblick gegeben, wie er annähernd die drei großen sprachgeschichtlichen Perioden mit den kulturgeschichtlichen Epochen verglichen darstellt und die Herkunft des Sprachgutes verdeutlicht:
- Steinzeit (jüngere) Die vorgermanische Zeit
a) indogermanisch (Axt = agesi, agzi)
b) europäisch - Bronzezeit Die germanische Zeit
a) einheimisch
- Gemeingermanisch (Axt = agizi)
- Westgermanisch (Halfter, Stiel = halftra, halmo)
- b) entlehnt (voralthochdeutsche Entlehnungen)
- Eisenzeit Die altdeutsche Zeit
a) althochdeutsch
- einheimisch
- entlehnt
- b) mittelhochdeutsch
- einheimisch
- entlehnt
Was hat diese Darstellung zu bedeuten?
Sie erscheint dem Laien zunächst rätselhaft. Und doch gibt sie auf den ersten Blick an, wann und wie die Grundlegung unseres Namens erfolgte. Es geht daraus klar hervor, dass unser Name Axthelm = Axhelm = Axhalb = ackeshalp = acchushalap = akzihalmo = ag(i)zihalbmo seine begriffliche Festlegung (sowohl für Axt, als auch für Helm = Stiel, Halfter) bereits vor der Eisenzeit erhalten hat. Und zwar stammt der Wortbegriff helm = halm = halb = halp (mhd.) = halap (got.) = halmo = halbmo (ahd.) aus dem Westgermanischen und entstand in der Hallstatt- bzw. jüngeren Bronzezeit, wie schon oben betont wurde.
Der Wortbegriff Axt = Ax = Aks = Ackes (mhd.) = ackus (ahd.) = acchus = aksi = agizi (agot.) = agési (idg.) dagegen stammt aus einer noch früheren Zeit. Er gehört zu dem ältesten Erbgut unserer Sprache, wobei unter Erbgut die Wörter zu verstehen sind, die unsere indogermanischen Vorfahren schon besaßen, als sie noch, vereinigt mit Indern, Persern, Griechen, Römern, Slawen, Litauern und Kelten, in der indogermanischen Urheimat (Hochasien, Südost-, Mittel- oder Nordeuropa?) zusammenwohnten, also als noch alle heute als ursprünglich indogermanisch anzusprechenden Nationen in einem großen Volksverband zusammenhielten vor der großen indogermanischen Abwanderung. Zu diesem Erbgut gehörten nur Ausdrücke für das nächstliegende, sinnlich Wahrnehmbare und vor allem für Ackerbau und Viehzucht. Dieses Erbgut ist heute noch in allen indogermanischen Völkergruppen zu finden (Vorfahren der Inder, Perser, Griechen, Albanesen, Italer, Kelten, Slawen und Armenier).
Aus dieser Anfangszeit unserer Sprache rührt auch das Wort Axt = agési her.
Nach der Spaltung des idg. Urvolks in Stämme – zu der religiös-politische Zwistigkeiten, vielleicht auch nur die stete Vergrößerung der Volksmenge die Veranlassung gewesen sein mag (Kluge) – und nach der Auswanderung der Stämme aus der uralten Heimat beginnt eine 2. Stufe der Sprachbildung und damit der Anfang der germanischen Sprache.
Dieses Gemeingermanische der Urdeutschen Zeit zeigt im Wortschatz, neben dem Verlust manches idg. Stammes (s. po = trinken und do = geben), erhebliche Neuerungen, die sich namentlich in der reichen Ausbildung von Wörtern für das fortgeschrittenere Wirtschaftsleben, für Begriffe aus dem Bereich des Kriegslebens (s. Axt) und für sittliche und religiöse Vorstellungen zeigen.
Die Germanen verloren einerseits manche alte Wurzel, bildeten aber andererseits, um den Verlust auszugleichen, neue Stämme, sodass dieser gemeingermanische Wortschatz-Zuwachs ungefähr ein Viertel des gegenwärtigen Wortschatzes erreichte. Weil uns aber nur einige Wörter durch klassische Schriftsteller überliefert sind und auch die wenigen Runeninschriften auf Geräten und Waffen wenig Beweismaterial aus dieser Zeit der urgermanischen Gemeinschaft liefern, sind wir darauf angewiesen, diese urgermanische Sprache durch Vergleichen der verschiedenen germanischen Dialekte zu erschließen. Dazu gehört Gotisch, Althochdeutsch, Altsächsisch, Altnordisch, Altenglisch usw.
Aus allen germanischen Sprachen ist ältestes Wortgut des gemeinsamen Sprachstammes bis auf die Gegenwart überliefert, und gerade unsere deutsche Sprache besitzt durch die ganze Geschichte ihres Schrifttums hindurch aus dem alten Erbe, das schon jahrtausendalte Vergangenheit hinter sich hat, so reiche Schätze, dass wir kaum einen deutschen Satz sprechen oder lesen können, in dem nicht ein indogermanisches Wort vorkommt.
Jedenfalls halten wir fest, dass das idg. Wort agési der jüngeren Steinzeit in dem gemeingermanischen Wort agizi der älteren Bronzezeit wiederkehrt, also aus dem Indogermanischen in direkter Entwicklung in das germanische Sprachgut übergegangen ist und seitdem seine gleichmäßige Fortbildung durch alle Sprachwandlungen germanischer Kulturgeschichte bis zur Festlegung der Wortform „Axt“ genommen hat.
Im 3. Jahrtausend v. Chr. drangen von Osten her die indogermanischen „Streitaxtleute“ in den westbaltischen Raum ein und verbanden sich mit dem Bauernherrenvolk der Cro-Magnon-Rasse, den Erbauern der Großsteingräber. Damit war die Ehe geschlossen, deren Kind das Germanentum ist (Tögel). Von diesen indogermanischen „Streitaxtleuten“ rührt aller Wahrscheinlichkeit nach die erste Prägung des idg. Wortes agési = Axt her, und es ging nach der Verschmelzung mit den Cro-Magnonleuten wieder in der Form agizi aus dem Westgermanischen hervor.
Ehe ich die Frage nach der Fixierung unseres Familiennamens behandle, möchte ich doch noch eine auch für Laien sehr interessante Sprachprobe aus dem gotischen Schrifttum einschalten. Denn das Gotische, das ja der erste Germanische Sprachschatz ist, in dem unser Wort Axt (= agizi) auftaucht, ist zweifellos als vollkommenster Kulturkreis und ältester Sprachstamm und gleichsam als Mittelstufe zwischen Indogermanisch und Deutsch anzusehen. Die folgende Sprachprobe stammt aus der gotischen Bibelübersetzung des gotischen Bischofs Ulfilas (gest. 388 in Konstantinopel) und ist von jedem Laien klanglich leicht zu erfassen und in Vergleich mit dem „Vater Unser“ zu übersetzen.
„Atta unsar thu in himinam, weihnai namô thein. Qimai thiudinassus theins. Wairthai wilja theins, swê in himina jah ana airthai. blaif unsarana thana sinteinan gif uns himma daga. jah aflêt uns thatei skulans sijaima, swaswê jah weis aflêtam thaim skulam unsaraim. jah ni bringais uns in fraistubnjai, ak lausei uns af thamma ubilin; untê theina ist thiudangardi jah mahts jah wulthus in aiwins.“
Im Althochdeutschen dagegen heißt es: „fader unsêr thu an radorum (andl. radur = Himmel)
Dieser gotische literarische Niederschlag gibt uns ein Bild der Sprache um 350 n. Chr.
Aus dem 9. Jh. n. Chr. sind uns sogar noch nichtchristliche Gesänge von den nordschwedischen Skalden überliefert, die den Axtgott Thor (Donar) verehren. Die Verehrung dieses Gottes und seiner Axt reicht bis in die Zeit der Felsritzungen zurück, ja bis zuletzt bewahrte der Thorshammer (= Thorsaxt; die Axt wurde später zum Hammer!) sein bronzezeitliches Gepräge, denn noch im 12. Jh. n. Chr. gab es in Schweden auf einer entlegenen Insel bronzene Thorshämmer im heiligen Haine. Und gerade auf die Großtaten Thors und seinen heiligen Hammer im Kampfe gegen Riesen und Unholde dichteten die Skalden im 9. und 10. Jh. Preislieder, zu denen in Indien die uralten Preislieder des Rigveda an den Gott Indra nach Form, Inhalt und Haltung die nächsten Gegenstücke liefern.
- B. preist um 1000 n. Chr. ein Skalde Vetilidi den Thor wegen seiner Großtaten gegen Unholde und Riesen:
„Die Knochen brachst du der Leikn, lahmtest die Thriwald, stürztest den Starkard, tratst die Laute Gjölp.“
Ganz so waren die uralten Preislieder des Rigireda an den Gott Indra in Indien:
„Du schlugst, o Indra, den gefräßigen Luschna im Kampfe, vereint mit Kutsa. – Du brachst herab des Dämons hundert Burgen, des Sambara, die unangreifbar waren.“
Dieser Axtgott heißt „Asen-Thor“, denn seine beiden Söhne sind die beiden Asen, die göttlichen Zwillinge (s. Abbildungen oben), die später Alkis heißen; auch sie führen die heiligen Äxte, wie uns die Felsritzungen und Schabmesser nochj deutlich zeigen. Ja sie werden sogar nur durch Äxtepaare angedeutet, wie folgende Felsritzung zeigt.
*** Bild mit Schiff ***
(Fellbespanntes Schiff, der Schiffsleib mit Zierwerk bemalt. Im Schiffe die beiden heiligen Äxte, die Sinnbilder der Zwillingsgötter).
Diese Zwillingsgötter mit den heiligen Äxten sind Retter und Heiland aus Todesnot, und da ihnen bei Indern und Griechen etwa zu gleicher Zeit herrliche hymnische Dichtungen gewidmet wurden, ist Entsprechendes auch für die Germanen mit Sicherheit anzusetzen (Schultz). Proben solcher Dichtungen aus der Zeit 1000 vor Chr. und 600 vor Chr. (der Jonier Alkaios an die Dioskuren (Kastor und Polydeukes, die göttlichen Zwillinge) sind nachzulesen im Rigweda VII, 70, 3; 69, 1 u. 7, und bei Schultz „Altgerman. Kultur“ 1937, S. 29 ff.
- Wie ist der Übergang des Gerätenamens „Axthelm“ auf einen menschlichen Träger zu denken?
Der Name Axthelm stammt also, wie oben ausgeführt, in seiner Wortbedeutung aus den ersten Anfängen unserer Sprache und ist rein germanischen bzw. indogermanischen Ursprungs; er erhielt weder durch keltische Einflüsse eine Umbildung, noch wurde er vom slawischen oder römischen Überfremdung berührt.
Ist mit der Feststellung der Ursprungsbedeutung schon etwas bewiesen über die Entstehungszeit des Begriffs „Axtstiel“? Nein. Aber wie ich schon oben darlegte, muss die Wortbedeutung „Axtstiel“ in der jüngeren Bronzezeit aufgekommen sein, als sich ein eigenes Handwerk der Axtstiel-Schnitzkunst herausbildete.
Unsere nächste Frage ist nun die: Wann wurde die Bezeichnung Axtstiel auf einen Menschen übertragen? Man könnte annehmen, dass diese Übertragung schon kurze Zeit nach der Entstehung des neuen Handwerks geschehen ist, wie ja auch heutzutage ein Handwerker namens Karl Meier, der den Böttcherberuf ausübt, normalerweise nicht Meier Karl, sondern Böttcher Karl genannt wird (so in meiner Heimat: dort wird z. B. der Windmüller Otto Krieger oft Windmüllers Otto genannt oder der Vater von dem Kaufmann Hugo Brünner war Böttcher, und so sagt man heute noch zu dem Sohn „der Böttcher“).
Freilich, damals gab es dergleichen Namensnennungen nicht. Solche kamen erst seit Karl d. Gr. auf, wie sich unsere Muttersprache überhaupt seit den Tagen Karls d. Gr. in ihrer geschichtlichen Entwicklung bedeutend geändert hat. Eine regelrechte Namengebung ist erst in der spätfränkischen Siedlungsperiode (im 9. Jh.) nachweisbar, nachdem die großen germanischen Völkerbewegungen zum Stillstand gekommen waren und durch den Zusammenschluss mehrerer Stämme sesshafte Völkergruppen auf germanischem Boden sich herausbildeten.
Wir überspringen darum die großen Kulturepochen der jüngeren Bronze- und älteren Eisenzeit und knüpfen wieder an der jüngeren Eisenzeit der nachchristlichen Zeit an, weil sich in dieser Zeit die ersten Männernamen entwickelten.
Die Entstehung der Männernamen reicht bis in die ältere Eisenzeit zurück. Das Wort „Name“ ist selbst sogar indogermanischen Ursprungs, wie überhaupt die Großfamilie mit der Fülle von Bezeichnungen der verschiedenen Verwandtschaftsgrade ein germanisches Erbe aus vorgemanischer Zeit ist. Wie Vorgemanisch und Übergermanisch fest ineinandergreifen, zeigt am besten die Bildung unserer alten Personennamen. Seit dem Auftreten der Cimbern und Teutonen haben sie die völkische Eigenart, die bis in die christlichen Jahrhunderte im Zeitalter von Bonifatius und Karl dem Großen und darüber hinaus reicht, treu bewahrt. Und doch stammt diese germanische Eigenart aus der idg. Sprachgemeinschaft. Die Übereinstimmung im Bau der Namen zwischen Indern, Persern, Griechen, Kelten und Germanen des Altertums berechtigt uns dazu, die germanischen Personennamen aus dem idg. Erbe herzuleiten.
„In der ältesten Namengebung der idg. Sprachgemeinschaft regte sich eine dichterische Anlage und Begabung des Urvolks. Und dieser dichterische Geist äußerte sich in Hoffnung und Wünschen, von denen die Eltern oder andere Angehörige bei der Geburt des Kindes beseelt waren. Stärke im Kampf, Ruhm beim eigenen Volk, Macht und Besitz sind bei begabten Naturvölkern, die im Kampf mit der Natur höheren Zielen zustreben, der Inbegriff aller Wünsche, der Ehrgeiz des Lebens. In solchem Schlagworten bewegen sich die ältesten erreichbaren Namen der Indogermanen. Ihren sprachlichen Ausdruck finden sie im alten Wortzusammensetzungen, deren Bestandteile vielfach dieselben sind, auch wenn wir kleine Gleichungen durch Rückschlüssegewinnen können“ (Kluge).
Das Wort „Wolf“ z.B. war das beliebteste, desgleichen auch „Ross“ (= Eknos), oder abstrakta wie „Ruhm“, „Ehre“, „Macht“, „Friede“ usw. Immer wieder kehren im Bereiche der indogermanischen Sprachen die gleichen Bestandteile in neuen Zusammensetzungen wieder als germanischer Erbteil der idg. Grundsprache. Unsere vorchristlichen Ahnen haben das indogermanische Erbe bedeutsam vermehrt und bereichert, ohne geschmacklosen Verirrungen zu verfallen, wie das römische Volk.
Da die Kelten schon im 2. Jahrtausend v. Chr. die Nachbarn der Germanen waren, ist als gewiss anzunehmen, dass sprachliche Beeinflussungen herüber und hinüber geschehen sind, die uns heute verborgen bleiben. Immer aber handelt es sich um die alte Zweistämmigkeit der Namen.
Wie zwischen Germanen und Kelten Übereinstimmungen zu beobachten sind (ahd. Hadumar, gall. Catumarus; ahd. Thiotmâr, gall. Teutomatus usw.), so auch zwischen Germanen und Griechen.
Man darf sich nun freilich den indogermanischen Personenschatz nicht so umfangreich denken. Im Gegenteil – es mag vorgekommen sein, dass mancher keinen Namen besaß oder kannte (wie im 30. jähr. Krieg der junge Simplicius sich nur als Bub und den Vater nur als Knäu kannte), man könnte ja in der engeren Umgebung mit Alters- und Verwandtschaftsnamen auskommen.
„Erst das öffentliche Leben, der Verkehr in Stämmen und Sioedlungen, in größeremn Wirtschaftsverbänden und Kriegsgemeinschaften der Erwachsenen macht die Namensgebung notwendig und unumgänglich. So lehrt denn auch der Inhalt der ältesten Namen der Indogermanen die entwicklete Kulturstufe bestimmen, wo Reichtum und Ruhm als Ideale galten. Je höher die materielle und geistige Kultur eines Naturvolkes wächst, umso reicher entwickelt es auch mit dem Wachstum von Stämmen und Siedlungen seine Namensbildung. Es bilden sich immer neue Arten von Namen aus, wobei Familiennamen und persönliche Eigenart, auch wohl Verlegenheit, Scherz und Zufall eine Rolle spielen können. Der Anteil der Eltern und Verwandten kann in den Namen hundertfach zur Geltung gelangen. Und dann stellen sich Kreuzungen von 2 Personennamen ein, um einen dritten zu schaffen, durch den eine verwandtschaftliche Beziehung angedeutet oder hergestellt werden soll. Wenn der Bedeutung nach unmögliche Wortgebilde wie Siegfried (d. h. Siegesfriede) oder Wolfram (d. h. Wolfrabe) oder angelsächsisch Heorogar (= Schwertspeer) nach der Völkerwanderungszeit auftraten, so haben derartige Kreuzungsnamen für die Familie und Sippe einen verständlichen Sinn durch Beziehungen auf Personen, die bei der Namengebung tatsächlich oder auch nur im Geist mitwirkten.“
Hier kann es sich nur darum handeln, die Eigenarten der gemeingermanischen Namengebung im Zusammenhang mit ihrer Volksart klarzulegen. Dabei ergibt sich von selbst der Zusammenhang der Namengebung mit dem Waffenhandwerk (Hiltibrant, Hadubrant, Gunther, Gernot, Giselher, Hildegunde, Brunhilt, Krimhilt usw.). Diese völkische Sonderheit lebt also in unserem ältesten Wortschatz und gibt der folgenden Namensbildung das Gepräge.
Ferner spiegeln Geschichte und Sagen in den Namen Leben und Geist der deutschen Urzeit wider. Alle Personennamen unserer ältesten Zeit haben einen sprachgemässen Inhalt, z. B. Wolfhard = kühn wie Wölfe, Hartmuot = kühn und mutig. Ja, man erkennt in manchen unserer älteren zweigliedrigen Männernamen noch unsere alten germanischen Völkernamen, z. B. Engelhardt und Dänert, abgeleitet von den Angeln und Dänen. Engilhart = kühn wie ein Angle; Deinhart = kühn wie ein Däne; Werinhart = kühn wie ein Wariner; Ingilomerus = berühmt unter den Ingulonen; Teutomorus = berühmt unter den Teutonen usw.
Dagegen treten die alten Gottheiten sehr selten in der Namensbildung auf. Heilige Söhne hinderten unsere Ahnen daran, vielleicht auch die Umformung der Glaubensvorstellungen durch das Christentum, das gerade in dieser Zeit Schritt für Schritt seinen Einfluss in deutschen Gauen hielt. Und doch gab es Namen, die an die Gottheiten erinnerten. Die Asen oder Ansen (Götter) zeigen sich z. B. demn. Anshelm, Ansfrid, Ansgar, die Alben oder Elben erscheinen in Frauennamen wie Albrun, aber auch in Männernamen wie dem angelsächs. Alfred (ahd. = Alprad).
Der Name Anshelm ist viel verwechselt worden mit unserem Namen Axthelm, hat aber sprachgeschichtlich gar nichts damit zu tun, sondern er bedeutet „Gotteshelm“.
Wie aus diesem männlichen Eigennamen echtes Germanentum atmet, so war auch der Stabreim für die Namengebung unserer Vorfahren von weitgehendster Bedeutung.
Dabei setzen wir voraus, dass unsere germanische Dichtung in einer Urzeit wurzelt, die hinter Homer und den Liedern des indischen Rigveda an Alter nicht zurücksteht. Für die Zeiten der ursprünglichen Einnamigkeit war der Zusatz des Vaternamens für jeden Helden beliebt: z. B. Agamemnon, der Sohn des Atreus, oder, wenn Vater und Sohn auf diese Weise in die Dichtung hineingeraten, so lesen wir z. B. eine Kurzzeile „Wulf Wonréding“ im Beowulflied oder eine Langzeile „Hiltibrant gimahalta, Heribrantes sunu“ und „Hadubrant gimahalta, Hiltibrantes sunu“ im ahd. Hildebrandslied. Das sind die ersten Anfänge einer Namengebung.
In unserem Namen handelt es sich nun weder um eine kriegerische Bezeichnung noch um eine Personenbezeichnung, sondern um einen sog. Gerätnamen, d. h. die Bezeichnung für ein Gerät oder einen menschlichen Träger beigelegt worden. Wie wir schon aus den kulturgeschichtlichen Betrachtungen oben ersahen, war dieses Gerät nicht irgendeines, sondern eben ein Axtstiel, der kultische Bedeutung hatte, weil nicht nur die Axt die Waffe des Gottes Donar, des beliebtesten unter den Germanen war, sondern auch die Axtstiele geradezu als Symbole der göttlichen Zwillinge der Söhne Donars verehrt wurden. Es dürfte in Tatsache sein, dass jenes Handwerk der Axtstielschnitzerei in dieser kultischen Beziehung herausbildete, damit der Schluss uns nicht schwer zu ziehen, dass der betreffende Handwerker, der diese Kunst pflegte, sehr bald mit dem Namen seines Handwerks betraut worden ist. Da aber bis zum Ende der Völkerwanderung dergleichen Namengebungen nicht erfolgt sind, vielmehr erst seit Ende des 7. bzw. Anfang des 8. Jh. – in der fränkisch-deutschen Siedlungsperiode – erste Übertragungen von Tätigkeiten und Eigenschaften erfolgte, ist die Übertragung des Gerätnamens Axthelm auf einen Handwerker, der vielleicht zugleich Krieger und Ackerbauer gewesen ist, frühestens in das 8. Jh. zu setzen.
In dieser Zeit kamen auch die ersten Hausmarken auf. Es ist nun anzunehmen, dass ein Handwerker, der diese Kunst der Stielschnitzerei betrieb, seit Generationen schon an seinem Haus-tor einen Axtstiel als Hausmarke hatte und diese Hausmarke als sein Kennzeichen führte. Diese beiden Merkmale, Hausmarke und Handwerk, mögen zur ersten Bestimmung geführt haben, den Namen Axtstiel als Personennamen anzunehmen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Begriff „Axtholm“, der schon in germanischer Vorzeit sprachlich formuliert wurde, wie ich oben darlegte, in den frühesten Runeninschriften zur Anwendung gekommen. In einer Zeit, als die germanischen Völker in Bewegung gerieten, aber auch schon erste Glaubensboten des Christentums in die germanischen Grenzwälder vordrangen, kamen die Runen bei den Germanen auf; das war zwischen dem 1. Und 2. Jh. n. Chr. Sie dienen von allem Anfange an nicht dem Schreiben, sondern dem geheimen Wissen und der aus ihm hergeleiteten Zaubermacht. Schon der Name Runen der mit unserem „Raunen“ zusammenhängt, deutet darauf. Diese Runenzeichen wurden auf Speerspitzen, Äxte, Schwerter – eben in erster Linie auf kriegerische Gegenstände – geritzt. Inwieweit die Rune ᚨ für den Buchstabe a, das Zeichen für Ase = Gott, auch eine sinnbildliche Darstellung der göttlichen Zwillinge ist, die ja als heilige Axt dargestellt wurden, kann man heute nicht mehr nachweisen. Aber auffällig ist die Form dieser Rune, die ganz die Form einer Axt hat.
Die Runen = Futhark wurden in 3 Achtheiten eingeteilt, und zwar in folgende: Die Acht des Freyr (also 8 Zeichen, zu denen auch die Rune ᚨ gehört); die Acht des Hagall und die Acht des Tyr. Alle 3 Achtheiten begannen mit dem Buchstaben, der sie bezeichnet. Diese Runenzeichen sind uns älteste Schriftmerkmale aus germanischer Vorzeit und doch besteht ein auffälliger Verdacht. Denn diese Runenschrift, deren Zeichen ursprünglich aus dem Latein stammen, hat in der ganzen Welt des Germanentums die auffällige Anordnung Futhark. Diese Buchstabenfolge „futhark“ ist eines der Rätsel der Runenschrift. Sie erinnert, obwohl sie durch Inschriften und Gedichte alter Zeit völlig feststeht, an das Vaterunser, das altgermanisch mit „fader unsêr thu an radorum“ (= Vater unser, du im Himmel) beginnen würde. Es fehlt lediglich das k, das soviel wie Kaunaz (Beule) heißt.
Um dieselbe Zeit, also Ende des 2. Jh., als die Runeninschriften in Germanien aufkamen, sind unter den Germanen christliche Gemeinden entstanden, wie wir von dem Kirchenvater Irenaeus überliefert bekommen haben. Diese Betrachtungen gebe ich hier lediglich zur Kenntnis, ohne auch nur den Versuch machen zu wollen, einen Zusammenhang dieser rätselhaften Übereinstimmung zu konstruieren. Diese Deutung bleibt den Vorgeschichtlern überlassen, und auch ihnen wird dieses Rätsel ein Rätsel bleiben.
Wir halten fest, dass die erste schriftliche Formulierung unseres Namens also frühestens im 2. Jh. geschehen sein kann, vielleicht aber erst im 7. bzw. 8. Jh. Es ist lediglich eine Vermutung auf Grund der Kultur und religionsgeschichtlichen Betrachtungen, die ich oben anstellte, wenn ich sage, dass der Name Axtholm schon in der Runenschrift zum Ausdruck gebracht worden sein kann.
- Wann ist der Familienname Axthelm und damit das Geschlecht entstanden?
Auch in diesem Teil der Untersuchungen müssen wir wieder grundsätzlich verfahren, um erst den Rahmen herzustellen, in dem unser Geschlecht entstanden sein kann.
Über Familiennamen erfahren wir erst etwas mit dem Beginn unseres Schrifttums unter Karl d. Gr., also aus der spätfränkischen Siedlungsperiode. So wird z. B. im Hildebrandslied Hadubrand der Wülfing vom Gegner aufgefordert, Vaternamen oder Familiennamen anzugeben (ahd. knôsal = Familie). Dagegen begegnet der erste urkundliche Beleg eines Familiennamens erst im 13. Jh. in einer Schweizer Urkunde, die Rudolf von Habsburg am 23. Dezember 1257 ausgestellt hat: Da erscheint in einem Rechtsstreit „Izeli mit dem geschlechte das man heizzet Izelinge“. Von deutschen Familiennamen können wir also tatsächlich erst mit Beginn des 13. Jh. reden, bzw. Ende des 12. Jh.
Die Großfamilie mit der Fülle von Bezeichnungen der verschiedenen Verwandtschaftsgrade ist ein germanisches Erbe aus vorgermanischer Zeit (Kluge). Soweit zurück reichen auch die alten deutschen Männernamen; auch unser „Name“ ist ein indogerman. Urwort (lat. = nomen, gotisch = namo, deutsch = Name). Mit dem Schluss des 1. Jahrtausends erst nähert sich die altgermanische Einnamigkeit ihrem Ende. Die Entstehung von Familiennamen wächst aber nicht unmittelbar daraus hervor, sondern vollzieht sich erst auf der Höhe des Mittelalters, nachdem die Städte mit Handel und Gewerbe das Bürgertum entwickelt hatten. Da ja sowieso die Einzelsiedlungen in germanischen Landen vorherrschten, waren kleine Unterscheidungen und Kennzeichnungen der Personen ohne Familiennamen völlig zureichend.
Allerdings ist eine Vorstufe der Familiennamen schon in der Zeit der Völkerwanderung zu suchen. Denn die Dynastiennamen wie die gotischen Amelungen, die fränkischen Merowinger und Karolinger, die bayerischen Agilolfinger, das langobardische Königshaus Lithingi usw. sind Beispiele dafür. Diese urgermanischen ing-Bildungen bedeuten von jeher und für jedermann Haus und Hof und alles, was sein ist. Daher haben sie auch in so vielen Siedlungsnamen gelebt und leben heute noch bei uns (Thüringer).
Mit der Karolinger Zeit verklingen alle Dynastiennamen, und es naht langsam eine neue Kulturepoche mit wirklichen Familiennamen, die noch innerhalb der alten Einnamigkeit Zunamen oder Zusatznamen möglich waren (Kluge). Wo immer Menschen zusammenleben, führt der Verkehr in Scherz und Ernst zu Beinamen, die auch den alten Germanen nicht gefehlt haben mögen. Schon im Anfang des 4. Jh. treffen wir einen Alemannenkönig namens Chorusc, dessen Namen mit mhd. Rouch = Saatkrähe eng verwandt ist. In einer nordischen Runeninschrift ist wenige Zeit später der Männername Hrabanus (= Raban als Familienname) zu finden. In der Gotengeschichte des Prokop erscheint im 6. Jh. ein Asemon Chose identisch Wisandus, der mit dem mhd. Eigennamen Wirt identisch ist (vielleicht ist unser Familienname Wirt ein Ausläufer davon).
Als dann das Christentum in Germaniens Wäldern Einzug hält, treten die ersten christlichen Taufnamen auf, die anfangs nur im engeren Bereich der Klöster urkundliche Bedeutung gehabt haben mögen und im öffentlichen Leben in Haus und Hof belanglos waren.
Wenn zunächst christliche Namen nur als klösterliche Zunamen auftraten, so wird doch bald die Stammeszugehörigkeit ausserhalb der Klöster als Zuname gebräuchlich geworden sein, wenn jemand fern von der Heimat wohnte. Tacitus nennt uns aus dem 1. nachchristl. Jh. bereits einen Suebenkönig namens Sidio und einen anderen namens Vangio, die beide Stammesnamen trugen. Bereits im 9. und 10. Jh. zeigen sich in deutschen Urkunden Männer mit den Namen Alaman, During, Franco, Frieso, Sahso, Swab, Walah, und in lateinischen Urkunden des 12.–13. Jh. tauchen dann ähnliche Stammesnamen auf, z. B. Hermannus Thuringus und Chuonrat Suevus = Hermann der Thüringer und Konrad der Schwabe. Was zunächst für Einzelpersonen galt, übertrug sich daraus auf das ganze Geschlecht.
Anders liegen die Dinge, als die Nibelungensage am Ende des 12. Jh. Hagen von Tronege, Gernot von Metzen, Völker von Alzei, Rüdeger von Bechelaren nennt. Aber Dietrich von Berne wäre in älterer Dichtung und Sage eine Unmöglichkeit gewesen, fehlt somit auch in Altengland wie in nordischen Eddaliedern. Es ist das gleiche Zeitalter,in denen der Spielmann Speervogelein einnamiger Fahrender, seine Gönner Walther von Hüsen – den Vater Friedrichs von Hüsen und Heinrich von Gibichenstein preist. Sie tragen nach ihren Burgen und Stammsitzen den Namen, und diese Namen werden nun erblich (Kluge). Dasselbe gilt auch von Dichtern und fahrenden Musikern.
Aber auch Namen, die nicht auf vornehme Familien hindeuten, sondern auf örtliche Herkunft, bilden sich bald heraus, z.B. Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue, Walther von der Vogelweide. Sie waren bei Rittern allgemein üblich, gingen über auch auf Bürger, also Städter über. Z.B. Konrad von Würzburg. Solche Namen gehen von Vater auf den Sohn über und erben sich weiter.
Ein weiterer Ursprung von Familiennamen sind persönliche Zunamen, die zur Erbkette wurden. Wenn Namengebung für Kinder von der herrschenden Sitte ausging und zweigliedrige Vollnamen wie Siegfried, Siegmund, Friedrich, Dietrich schuf, so musste sich oft im Leben die Notwendigkeit einstellen, Männern und auch Frauen Beinamen zu geben, in denen ihre Eigenart und Persönlichkeit zur Geltung kam. Wenn weiterhin schon in der nordischen Heldensage des 5. Jahrhunderts Könige die Namen Frodi und Helgi hatten, so sind das früheste Belege, persönliche Eigenschaften für echte Vollnamen einzusetzen (vgl. andd. frod = klug und helag = heilig).
Beispiele:
- Der spanische Suebenkönig Audeca (6. Jh., got. Audax = selig).
- Um 700 die Friesenapostel Niger-Ewald und Albicus-Ewald.
- Aus dem 9. Jh. der gelehrte Fuldaer Abt Hrabanus Maurus und sein Zeitgenosse, der Reichenauer Abt Walafrid Strabo.
- Die Karolinger Karl der Kahle und Karl der Dicke.
Um 1000 schon werden solche persönlichen Zunamen zu erblichen Familiennamen. In Köln und im ganzen Südwesten Deutschlands herrschen durch das 12. Jh. in lateinischen Urkunden dergleichen Namen.
Auch körperliche Eigenschaften, die zu Namen geworden sind, vererben sich, sodass man im 13.–14. Jh. in einfacheren Verhältnissen Familiennamen wie Swarz und Wiz, Lanc und Klein antrifft.
Alle Familiennamen sind im Wesentlichen die auf Söhne und Enkel übergehenden Namen der Väter. Die Art der Familiennamen jedoch ist nun mannigfaltiger. So vererben sich aus dem Zeitalter der Einnamigkeit auch zweigliedrige Vollnamen der Urzeit wie Hartmut, Ludwig, Dietrich, Dietmar, wie z. B. aus dem Namen des Dichters Johannes Hadlaub um 1300 hervorgeht. Auch Kurznamen stellen sich frühzeitig ein, z. B. Kurznamen für Heinrich (ahd. Heinzo, nhd. Heinz und Hinz), Konrad (ahd. Kuonzo, nhd. Kunz). Um 300 und 400 kann man schon solche Namen finden. Im 10. Jh. sind sie urkundlich belegt. Kosenamen unserer Frühzeit gehen in Familiennamen über wie Utz für Ullrich, Götz für Gottfried und Lutz für Ludwig. Auch Standesbezeichnungen werden zu Familiennamen, sodass man am Ende des 13. Jh. Familiennamen wie Abt, Bischof, Münch, Probst, Graf, Herzog, Ammann, Ritter, König und Kaiser antrifft. Ja, es kann sich bei solchen Namen sogar um dienende Personen handeln, die die Rangbezeichnung ihrer Herren als Familiennamen tragen.
Für uns ist nun das Nächste wichtig: Wie kam es zu Berufs- und Gewerbenamen? Da unser Name auf ein Handwerk hindeutet, kann er sich nur auf dieser Grundlage entwickelt haben, also auch das Geschlecht. Im 9. Jh. stellen sich langsam Familiennamen ein, die auf einen Beruf oder ein Gewerbe hindeuten. So ergibt schon der altgermanische Beruf eines jugendlichen Helden frühzeitig den Personennamen Recko, wie auch Kempfo schon in ahd. Zeit als Personenname vorkommt. Im Gewerbe deutete der häufig vorkommende ahd. Name Bodo auf regelmäßige Ausübung von Botendiensten oder Gesandtschaftsdienst hin. Ein fremder Händler konnte schon im 9. Jh. den Namen Chufman tragen; auch Piligrim begegnet uns als Personenname schon im 9.–10. Jh.
Wenn es sich hier auch noch nicht um direkte Familiennamen handelt, so sind es doch Zunamen, die Vorläufer der Familiennamen sind. Ehe es Familiennamen gab, existierte im 8.–9. Jh. bereits der Name Arbeo, der heute noch in unserem Familiennamen „Erbe“ weiterlebt. Direkte Familiennamen des Standes und des Gewerbes beginnen erst im 12. Jh. (um 1140).
Um die Mitte des 11. Jh. wird es Sitte, in lateinischen Urkunden den Männernamen den Beruf ihres Trägers beizugeben. Z. B.: Waltherus pictor (Maler). Aber man kann noch nicht von einem festen Familiennamen sprechen. Viele Berufe und Handwerke lebten in den gleichen Familien, gingen vom Vater auf den Sohn und auf den Enkel über und drangen schließlich in der Zeit von 1150–1250 als feste Bestandteile der Namengebung durch. Sie konnten zu Rufnamen werden und wurden umso leichter zu Rufnamen, als viele zweigliedrige Vollnamen der früheren Jahrhunderte wie Ludwig, Dietrich, Friedrich, Heinrich usw. allmählich zu sehr verbreitet und auch zu wenig kennzeichnend waren.Wir können ja heute auch Kellner und Schaffner ohne weiteres mit ihren Vaternamen anreden, desgleichen aber auch als Kellner und als Schaffner, mit dem Berufsnamen.
Im Mittelalter mag das nicht anders gewesen sein. Wahrscheinlich hat das Bürgertum der größeren Städte auch wie wir beide Arten der Anrede gebraucht und so dürfen wir für die erste Hälfte des 13. Jh. annehmen, dass sich erbliche Familiennamen wie Müller, Fischer, Schmied, Schulze usw. einbürgerten. Seit der zweiten Hälfte des 13. Jh. entstanden dann wirklich feste Familiennamenwie Wagner, Gärtner, Maurer usw. Alle diese Namen leben ja heute noch in unserem Volke. Sie spielten also um die Wende des 13. – 14. J. im bürgerlichen Leben bereits eine ausschlaggebende Rolle. In dieser Zeit begann also der Kreis der deutschen Namengebung, der bereits einige Jahrhunderte später seinen Abschluss fand. Er hatte vor Jahrtausenden mit den ältesten Männernamen unter den Germanen begonnen und fand nun seinen festen Niederschlag in den erblichen Familiennamen.
Die große Gefahr, die am Ende des Mittelalters diesen erheblichen Bestand deutscher Familiennamen bedroht, ist das Latein (Kanzleilatein). Wir brauchen aber darauf gar nicht weiter einzugehen, weil unser Name in keiner Weise davon beeinflusst ist; er bestand bereits lange vorher.
Wann kann also unser Name Axthelm als Familienname aufgekommen sein? Wahrscheinlich am Ende des 12. Jahrhunderts, als man in deutschen Landen anfing, einzelne Gewerbe mit Namen zu bezeichnen. Und da unser Name auf einen Gerätnamen der ältesten germanischen Handwerkskunst zurückgeht, ist er m.E. auch in den Anfängen der gewerblichen Namengebung entstanden.
Ich fasse nun noch einmal zusammen: Die Begriffsbildung Axt = agesi erfolgte in indogerm., also vorgerman. Zeit (vor 2000 v. Chr.)
Die germanische Festlegung dieses selben Begriffes erfolgte in der älteren Bronzezeit.
Der Begriff Axtstiel (halbmo, bzw. halftra) kam in der Hallstattperiode, bzw. zu Beginn der Eisenzeit auf.
In dieser Zeit bildete sich wahrscheinlich ein eigenes Axtstielhandwerk heraus.
Nach Abschluss der Völkerwanderung, zu Beginn der fränmkischen Kolonisation unter den Thüringern mag der Gerätname Axtstiel (ackeshalap) den Grund zu einer Hausmarke gelegt haben und ging in der spätfränkischen Siedlungsperiode (8. – 9. Jh.) auf einen Träger dieses Handwerks über.
Der Familienname hingegen entstand um die Wende des 11. Und 12. Jahrhunderts.
Fortsetzung siehe Bericht 5
Heinz Axthelm

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